Mir wird ganz schlecht von all den Plänen

Artist
Katharina Franck
Released
2004
Genre
Text

Eskimo, vergiss nicht

New York. Neujahr.
Eskimo und ich laufen die Vierzehnte Strasse entlang.
Von der Achten gen Osten zur Avenue A.
Die Kälte kriecht uns ins Knochenmark.
Eisfäuste anstelle von Nieren.
Panischer Puls und ein erfrorenes Herz.
Eskimo und ich können den Ort, an dem es warm ist, nicht mehr erkennen.
An dem Schutz vor klimatischen Übergriffen geboten wird.
Kondenswasser aus erhitztem Gemüt nicht fließt.
Der Blick in die Seele klar wird, und leider fern.
“Ich möchte bitte bei mir sein.”
“Jetzt bist du hier.”
“Was kann ich tun?”
“Tu einfach mal nichts. Lass die Arme sinken. Lass Zeit verstreichen. Blickst du in eine andere Richtung, verlierst du nicht gleich dein Ziel aus den Augen, wenn es dir so viel bedeutet. Du bist doch kein Ding, das du besser erkennen kannst, wenn du es einmal in seine Bestandteile zerlegt und wieder zusammengesetzt hast. Zerlegen kannst du dich natürlich so oft du willst, und andere können es auch, wenn du es erlaubst. Aber du wirst danach nie wieder der alte Eskimo sein.”
“Oh.”
“Wir wollen zusehen, dass du in gute Hände kommst.”

Newark. NY. Ein paar Tage später.
In der Abflughalle werden schon die Stühle hochgestellt. Ich warte immer noch hier. Blitzeis. Schneesturm. Lotsenstreik. Der Putztrupp trägt Mundschutz und Gummihandschuhe. Das ist Pflicht. Die Schweißerbrillen sind optional und ziemlich cool. Alle tragen sie mit großer Begeisterung. Ohne Arbeitsuniformen läuft nämlich nichts mehr wie geschmiert. Davon können sie dir auch anderswo ein Liedchen trällern. Lisboa. Estremadura.
“Wenn mir der Chef kein Häubchen spendiert, muss er schon damit fertig werden, dass täglich mindestens eine Suppe zurückgeht, weil ein Haar drin schwimmt”, sagt Adelaide, die Köchin. “Neulich hat José, weil er in
seinem Transenkostüm zur Arbeit gekommen ist, eine gusseiserne Pfanne versaut. Seine Kunststoffperücke rutschte ihm vom Kopf, als er sich mit dem Schmandlöffel den Nacken kratzte. Tja, ohne Häubchen kann so etwas schon einmal vorkommen.”

Jetzt bitte anschnallen.

Nachdem HARMONY also Amerika und eine gründliche Gehirnwäsche überlebt hat, begibt sie sich in ein neues Zeitalter, mit dem festen Vorsatz, die Welt zu bezaubern. Ach, aber was schlappt da, überlappt da hinter ihr her?
Berlin. Mitte. Zwei Wochen später.
Ich hatte mir einen Brief aus New York geschrieben.
Nun ist er angekommen:

Liebes Ka, warum bin ich hier? ES IST SO KALT! Sogar mein Schatten friert. Eskimo.
PS. Hier, wie gewünscht, mein NYC-ABC:

Aber Bald Campen Die Endorphine Flächendeckend Gegenüber Haus Ich. Ja! Keine Langeweile Mehr! Nachts Opfern Potente Quäker Reinen Salmiakgeist. Tausend Ungelegene, Vielversprechende Worte Xn + Ypsilonen Zwischen…..
meinen armseligen Wundertütenträumen hin und her.

Gilt das?

Nein. Ich habe dir doch geschrieben, dass ich meinen Kampf nun wieder an der richtigen Front fortsetze. Ich knibbele mir die Nickhaut links und rechts des linken und rechten Daumennagels ab. Zuerst hatte ich grösste Schwierigkeiten, mich zu konzentrieren. Wenn nämlich nichts passiert, werde ich unruhig. Wenn ich unruhig bin, lasse ich nicht zu, dass etwas passiert. Allein in meinem Kopf erschlägt sich Bild mit Bild. Mir wird Angst und Bange, wenn ich unterwegs die Werbeplakate betrachte. Vor allem dieses vermenschlichte Gemüse macht mich ganz kirre. Tomaten, Bananen und Paprikaschoten mit Augen, Nase, Mund. Mit kleinen Ärmchen und Händchen und Beinchen und Füßchen und Wortwolken, in denen Sätze, aus Wurst- und Käsemündern kommend, Frische verkünden. Ich schaue weg, und in mich hinein. Hinter meinen Augäpfeln pocht ein reifes Mangoherz… mmhyumhum. Zimtpflaumenkompott mit Sahne wäre jetzt nicht schlecht. Oder später eine halbe Papaya auf das Gesicht legen, die Kerne sind so schön scharf. Ah! So schaue ich wieder aus meinen Augen und durch das verschmierte S-Bahnfenster hinaus, suche das Spreeufer ab nach unbedruckten Eindrücken, und höre die Bremsen erbarmungslos quietschen. Kurz bevor sich die beiden S-Bahnwagons der Linien 3 und 75, auf dem Abschnitt zwischen Ostbahnhof und Warschauer Strasse, ineinander verkeilen, und die jeweils angehängten Abteile funkensprühend, schmauchend und fauchend nachdrängen, sich die Hinterteile heben, der eine über Kopf sich schlägt, der andere seitwärts sich liegen sieht, also, kurz davor, fällt mir endlich wieder alles ein:
Ich stehe ganz hinten im Durchzug.
An dem einen Ende des Ganges.
Ich bin unterwegs nach Mitte.
Alle Zeichen auf Anfang, Wasservogel.
Flapp flapp flapp nicht darüber hinweg!
Schau wenigstens jetzt hin, da alles verkehrt herum steht, Augen von einem Kinn dir zuzwinkern und ein Mund mit schief gewachsenen Zähnen aus einer Stirn gesprochen falsch klingt.
Riech den Dreck, der zusammengefegt und feucht geworden in einer Silvesternacht nicht brennen mochte.
Es verschieben sich zwei Silhouetten ineinander.
Der einen verpassen wir einen Heiligenkranz, der anderen den Dornenschein.
Jetzt trennen sie sich wieder, jetzt lassen sie sich gehen.
Ich möchte wetten, Eskimo, du weisst nicht, welchem Schatten welches Los geschrieben steht.
Zieh nun den Karren aus dem Matsch, Maulheld! Mach schon!

Vorher gehe ich aber spazieren. Es ist Hochsommer jetzt, und man kann unter freiem Himmel Filme aus New York sehen. Oder man macht es sich mit einem Sechserpack Bier auf den Stufen vor dem Alten Museum bequem, um von dort den Liebespaaren zuzusehen, wie sie aufeinander zu robben, sobald es dunkel wird. Je betrunkener man wird, desto reger bewegt die Phantasie die sich ineinander verknäulenden und wieder aus der Form fallenden Körper. Man kann dann die Schuhe ausziehen, die Zehen spreizen im lauen Windhauch, wie eine Katze genießerisch die Krallen ausfährt. Und man kann die Augen schließen. Ich entfalte mich völlig, hole aus meinem Dokumentenfächer viele Seiten bedrucktes Papier und bin einen Augenblick lang sehr zufrieden. Ich denke an die Wochen vor dieser klipperkalten Silvesternacht, die ich alleine, in die Flickendecke meiner gewebten und gelebten Erinnerungen gewickelt, am offenen Fenster in Chelsea verbracht habe. Und nur dieser verflixte Eskimo, mit seinem verfrorenen Hundeherz und seinem verzweifelten New York City-ABC, wobei er sich noch nicht einmal an die Spielregeln halten konnte, hatte mich daran hindern können, nackt und ohne Schwimmflügel in den Hudson zu springen. Mein Schneckenhaus, in das ich mich in der lähmenden Fremde großer Städte jeder Zeit zurückziehen konnte, habe ich doch schon vor Jahren abgeschüttelt. So. Und jetzt werde ich auch dieses Irrenhaus mit seinen Beißringen und Eiswasserwannen verlassen! Den Stromstoß werde ich jedoch auch weiterhin immer bei mir tragen.

Denn der Stromstoß bin ich!

Ich springe auf. Hundeherzen, Katzenkralle, Schneckenhäuser zucken verschreckt zusammen und machen sich über denkmalgeschützte Wiesen davon. Papier flattert und knittert und wird im Handumdrehen zu preisgekrönter Kunst. Ich eile über die kleine Brücke Richtung Monbijou. Bei Chamisso finde ich Johannes den Täufer, der im Winter an der Ruine der Klosterkirche in seinem Mantel wohnt. Er bekommt mein letztes Bier. Ihm gebührt mein letztes Hemd. Denn,
Ich, Schwamm
Befeuchte meine Lippen mit lebensbejaendem Elixier
Mir, Pilz
Wachsen schimmernde Fasern
Elektrolyten
Orphische Mythen
Feinster fluoreszierender Tang, der mich weich umschließt
Mich einlullt mit Singsang
Mit Eskimo
Mit Feuersalamander
Mandelmuss
Mit tropfenförmigen Fingerkuppen streicheln und
In tropenhitzigen Baumwipfeln sitzen
Und küssen
Küssen
Haut an Haut.
Luftgewehr. Leuchtkugel. Land in Sicht.
Dieses große Tabaksblatt. Feucht ist es. Es trieft und mieft nach Moder.
Es klatscht und flatscht.
Umwickelt meinen armen Sonnenstich, kühlt mich und fühlt sich an wie
Frische Feigen
Wie Saugnäpfchen, schmatzende und schnalzende
Wie Gecko
Eskimo
Ein Wasservogel trocknet nie
Im Leben
Im Leben
Und unter meinem Entensterz klopft ein reifes Menschenherz.
Wie Heinrich. Wie Heine.
Im Glimmer. Im Glück.
Ja. Hinter meinem Augenlicht sieht man meinen Kummer nicht.
Ein Schimmer nur
Ein Hauch
Von jenen ungelegenen + vielversprechenden Worten:
Wie sie ixen und ypsilonen, Mann!
Ein Irrlicht! Kein Leuchtturm
Vergiss das nicht, wenn du mit mir gehst.
Eskimo
Vergiss nicht
Wenn du wieder gehst
Die Literatur.

Mir wird ganz schlecht von all den Plänen.

Ploog. Tanker© Katharina Franck. Erschienen mit dem Titel “Eskimo, vergiss nicht” in Ploog. Tanker (2004). Texte von & zu Jürgen Ploog. Herausgegeben von Florian Vetsch. Verlag: Rohstoff. ISBN 3-935346-23-9