Marrakesch – Irgendetwas über das Leben (Auszüge)

Diese Spitzhacke da möchte ich.
Die Spitzhacke möchte ich sehen, die alles erhält.

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„Heute früh sind dreizehn Bauchtänzerinnen aus Bielefeld abgereist,“ sagt der schottische Gastgeber des Riad Arahanta fröhlich. „Hier war was los!“ Ich hatte vor ein paar Stunden meine Bürotüre in Berlin abgeschlossen, und war via Madrid nach Marokko geflogen. Es ist 12 Uhr Mittags als ich in der kleinen Pension in der Medina von Marrakesch ankomme. „Hier ist Ihr Bad, hier ist die Küche. Hier ist Kaffee und Tee. Der Wasserkocher. Bedienen Sie sich. Der Patio und das Dach stehen Ihnen jeder Zeit zur Verfügung. Wir wohnen oben im zweiten Stock. Wenn Sie irgendetwas brauchen oder Fragen haben, rufen Sie einfach nur laut nach uns, hier hört jeder jeden. Herzlich Willkommen!“ Ich schaue mich etwas beklommen um, fühle mich so, als sei ich in ein fremdes Wohnzimmer eingedrungen. Korbsessel, flache Teetische und lang gestreckte arabische Sofa bilden ein perfektes Rechteck längs der teils blau gekachelten und teils weiß gekalkten Mauern. In der Mitte des Innenhofes ein Arrangement aus Tonvasen und Blechwannen. Darin Palmwedel und anderes Grünzeug. Die Türen und Fenster zu den Räumen, die paarweise an jeder Seite des Innenhofes angeordnet liegen, sind reine Zierde. Sie schließen nicht, und zwischen Schwelle und Türblatt passen Stiefelspitzen. Im zweiten Stock klingelt das Telefon. Die Putzfrau auf der Dachterrasse lässt einen Eimer Wasser ein. Eine Katze maunzt und schnurrt. Man hört wie Trockenfutter in eine Plastikschale fällt.

Erschöpft und nur ein klein wenig neugierig, laufe ich durch die Rue Mouassine zum Djemaa el Fna, dem Platz der Geköpften, um einen Orangensaft zu trinken. Noch bin ich außerstande irgendetwas zu sehen. Ich gehe zielstrebig und schnell. Ich war noch nie hier, und doch kommt es mir vor, als beginge ich ein jahrhundertealtes Ritual. Ich laufe noch eine Weile durch Gassen, die, den Tentakeln einer Qualle gleich, in alle Richtungen von dem großen Platz abgehen, kehre dann ins Riad zurück, um meinen Koffer auszupacken. Breche gleich wieder auf, um Zahnpasta und eine Zahnbürste zu kaufen, die ich vergessen habe. Schleppe Wasser, Brot, Streichkäse und eine Honigmelone mit zurück in den Bau. Erstehe einen Busch Pfefferminze. Man möchte mir gleich ein ganzes Tee-Service dazu verkaufen. Beim Kuchenbäcker entscheide ich mich für fünf kleine Mandelhörnchen „Gazelles“ genannt, und so weiß ich, dass der Name, den einem die Männer von links und rechts, aus allen Geschäften und allen Restaurants und Cafés nachrufen, etwas Leckeres ist. „Eh, la Gazelle, ça va?“ Apropos Tentakel: es wird noch eine Weile dauern, bis ich begriffen habe, durch welche Gasse ich in welche Richtung gehe.

Ich bin hundemüde und will früh Bett. Stelle fest, dass es nicht frisch bezogen ist. Ein Bielefelder Bauchtänzerinnenduft dringt aus den Laken an meine Nase, und mehrere Bielefelder Bauchtänzerinnenhaare haben sich an dem Kissenbezug festgekrallt. Ich rufe nach meinen Gastgebern, beherzt packen sie an, schütteln ihre Köpfe über das faule Zimmermädchen, und überlegen ihr den Lohn zu kürzen. Ein Mädchen für dreizehn Bauchtänzerinnen und deren Betten, alle Bäder, Eure Küchen, die Terrassen und Galerien, denke ich. Na, dann Gute Nacht, ihr Schotten!

Nach etwa acht Stunden Schlaf wache ich zerschlagen auf. Im Spiegel sehe ich, dass ich meine Tränen in Säckchen mitgenommen habe. Der Spiegelblick sagt mir, dass das so alles nicht weitergehen kann. Ich sehne mich nach einer tiefen und weiten, einer alles umfassenden Veränderung. Eine die mich köpft und schält.

Irgendetwas über Häutungen.
Erst ins Gerberviertel und dann zum Schneider.

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Ein Pfund Kaffee wird unter Beigabe folgender Gewürze für die Cafétière grob gemahlen:
Eine ganze Muskatnuss
Ca. 20 schwarze Pfefferkörner
Einige Borken Zimt
7 – 10 Kardamonkapseln
10 – 12 Nelken
Eine Prise Fenchel
Sesam
Ras `el Hanoud (ein Mischung aus 37 Gewürzen)
und das so genannte „Berbergum“. Sieht aus wie ein Milchzahn, etwas kleiner, transparenter. Oder wie ein rundes Reiskorn, etwas größer, ohne Spitzen. Erhältlich, wie der echte Safran, in kleinen Cellophanbriefchen zu 120 Dirham à 10 Stück.

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Es ist sehr früh am Morgen. Meine Gastgeber schlafen noch. Im Kühlschrank steht eine Kanne künstlich riechender Pfirsichsaft und eine Schale voll hart gekochter Eier. Ich koche mir einen Kaffee, den ich genüsslich trinke, während ich in alten, abgegriffenen Reiseführern blättere. Aber im zweiten Stock rührt sich nichts. Also mache ich mich auf, die Gegend zu erkunden, trete ich in die schmale Gasse hinaus, und ziehe die Pforte leise hinter mir zu. Kurz bevor ich um die Ecke biege, drehe ich mich um, und gehe in Gedanken den Weg noch einmal zurück: Wenn man noch nie in solch einem marokkanischen Haus gewesen ist, käme man nicht darauf, dass sich hinter dieser niedrigen Tür ein so großer Innenhof öffnen würde. Das Riad hat bestimmt schon bessere Zeiten gesehen. Eine vielköpfige Familie, mehrere Generationen umfassend, hat vielleicht einmal darin gewohnt. Nach außen hin sehen alle Häuser gleich aus. Man kann den Übergang von einem zum anderen kaum erkennen. Ein Wirrwarr aus Schachtelbauten, Torbögen, Vorder-, Seiten-, Hintereingängen, dicke Mauern, deren unebener Lehmbewurf den Wunsch erzeugt, sich daran den Rücken zu kratzen, wie ein alter Bär. Und nachdem man in gebückter Haltung eine Tür betreten und durch einen dunklen Flur gegangen ist, säumen plötzlich Obstbäume einen Pool oder eine tausendjährige Zisterne. Wandelt man unter gedrechseltem und geschnitztem Deckenschmuck an unzähligen Gemächern vorbei. Sammelt man sich in einem, mit dicken, handgeknüpften Teppichen ausgelegten Salon. Die Wände sind holzgetäfelt oder mit edlen Stoffen behängt. In Laternen aus kunstvoll gewundenem Eisengeflecht, das geschliffenes Buntglas umfasst, flackern Kerzen aus echtem Bienenwachs. Ein Feuer brennt im Kamin. Es knistert und knackt, manchmal zischt herabtropfender Harz. Auf Kissen gebettet, nippen wir an schwarzem Tee, der mit Rosenknospen verfeinert ist. Wir schweigen. Schweigen.

Aber das war nicht hier und ist nicht heute. Jetzt biege ich um die Ecke in den nächsten dämmerigen Durchgang, stolpere über ein struppiges Kätzchen, das sich zwischen Müllbeuteln in einem Flecken Sonne zusammengerollt hat, und gehe den rituellen Weg zurück zum großen Platz. Die meisten Geschäfte sind noch geschlossen. Aber vor den halb heraufgezogenen Rollos wird schon mit Wasser gespritzt. Der Asphalt glänzt. Ein dünner, hoch aufgeschossener Mann in einer rotbraunen Kutte trägt an einer langen Kette ein Öfchen mit glühenden Kohlen durch den Souk. Weihrauchschwaden ziehen träge vorbei. Ein Barbier winkt den Mönchsmenschen heran. Der lässt das dampfende Pendel zweimal durch dessen Laden schwingen und bekommt ein Trinkgeld. El Hamdulillah und Hand auf’s Herz.

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Ein Gassenknäuel hat mich eingewickelt. Ich weiß nicht mehr wo ich bin. Die Wege sind eng mit Wellblechdächern überbaut, aber immer wieder tun sich kleine Lichthöfe auf. Ich bleibe in einem stehen und knipse meine unsichtbare Knopflochkamera an. Links von mir, eine weiß gekachelte Garage mit einer vorgebauten Sonnenblende. Es hängen gehäutete Hammel, Lämmer und säuberlich gerupfte Hühner kopfüber von den Dachträgern. Ein Duzend Katzen sitzt gebannt davor, wie Skulpturen an einer japanischen Gedenkstätte, und wartet darauf, dass der Metzger ihnen Fleischabfälle zuwirft. Und rechts von mir macht das erste Gemüsegeschäft auf. Die Kartoffen, Zwiebeln, Tomaten, Gurken und Blumenkohlköpfe lagern da in großen Haufen, fein säuberlich voneinander getrennt. Eine farbenprächtige Ausstellung, eine große Lebensmittelschau auf engstem Raum, und die Gerüche liegen wie hingesprüht in der lauen Morgenluft. „C`est trés jolie!“, sage ich zu dem Händler und mache eine ausladende Handbewegung. „Comme un tableaux“, in der Hoffnung, dass das „Bild“ heißt. Er antwortet strahlend: „Jolie comme vous, Madame!“ und schenkt mir eine knallrote Paprika mit einer tiefgrünen Verfärbung rund um den Stiel.

Ich beschließe die Lottozahlen für den kommenden Samstag zu ziehen. Ganz Marrakesch ist durchnummeriert. Meinen ersten Orangensaft habe ich an dem Wagen Nr. 8 getrunken. Er hat übrigens das Zehnfache von meinen zweiten Orangensaft gekostet, den ich bei der Nr. 11 bestellte. Irgendwann gehen einem eben die Augen auf. Die Nr. 15 war das erste Abendessen auf dem großen Platz. António Banderas würde einen dort bedienen, heißt es, was ich nicht besonders aufregend, aber doch sehr amüsant fand. Am Stand 7 und 18 gab es Trockenfrüchte, und an der Nr. 38 gab es geröstete Kichererbsen, Mandeln, Cashew und Mais. Die Superzahl 1 hebe ich mir für meinen letzten Abend auf. Dort kocht Aicha, die einzige Köchin am Platz, und irgendwelche französischen Reiseführer haben herausgefunden, dass dort die Salade Marrocaine, das Couscous und die Fritten am Besten schmecken. Aber es gibt noch ganz andere Nummern: die der Pferdekutschen
Schuhputzkarren
Korbflechter und Blumenbinder
Teppichknüpfer
Gitarrenbauer
die der Seidenmaler und Wunderheiler
Blechbläser
Reifenprüfer
Löffelschnitzer und Intarsienleger
die der Hennahexen und Schlangenbeschwörer
Spiegelbastler und Bettelbrüder
Affendompteure
Gürtelknipser
Taschendiebe
Wasserschwenker
Trommeltrolle und Geldwechsler
Der Marabout unterm Sonnenschirm schimpft und spuckt. Er reckt seinem Publikum wild gestikulierend die Fäuste entgegen, reißt sich seinen Turban vom glatt rasierten Schädel und trampelt darauf herum. Wenn ich nur verstehen könnte was er brüllt und fleht! Aber auch die Mimik seiner gebannten Zuhörerschaft erzählt eine Geschichte. Wenn aber in der Menge geflüstert und gezischelt wird, ist es dann gemein oder obszön? Werden verbotene Substanzen angepriesen? Auf der Place Djemaa El Fna wird es abends ziemlich eng. Die Jungs und Männer rücken immer näher an herumstehende Touristen ran, flüstern ihnen internationale Grußworte ins Ohr und manchmal ist auch eine Hand dran. So muss man immer in Bewegung bleiben. Aber das liegt mir ja.

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Tags darauf schlendere ich durch den sehr gepflegten Garten des luxuriösen Hotel La Mamounia, und überlege, ob man in einem fremden und exotischen Land, für das man vorgibt sich zu interessieren, in einer Edelherberge einkehren sollte, die so nicht anders in Florenz, Paris oder Cannes stehen würde. Paul Bowles hat in diesem Hotel wochenlang gewohnt. Irgendjemand hat ihn immer eingeladen, und er hatte damit keinerlei Probleme. Seine Frau Jane auch nicht. Denen war klar, dass ihre Gesellschaft allein Grund genug war, sie finanziell auszuhalten.

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Ein paar Tage später sitze ich mit vielen anderen Ausflüglern an dem großen Bassin im Jardin d` Aguedal und beobachte, wie ziemlich fette Karpfen nach noch mehr Brot und Kuchen schnappen. Es sind so viele, dass es im Becken zähflüssig schwappt wie Öl und es kein Wunder wäre, wenn mal wieder ein Heiland übers Wasser ginge. Obwohl meine Füße in den Schuhen kochen, beschließe ich beim Anblick der monströsen Fische, sie nicht in deren Bade abzuschrecken. Die Karpfen sehen aus, als ob sie gleich das Sprechen anfangen: „Na, wat willste denn?“ In der Ferne, der Hohe Atlas, dunstverhangen. „Na, wat willste denn?“ Stadteinwärts, die Koutoubia im staubgefilterten Licht eines späten Nachmittags. „Na, wat willste denn?“ Stadtmitte schien gar nicht so weit weg zu sein. Ich laufe los, an den hohen Mauern des Königpalastes vorbei und weiter, noch weiter, eine schier unendliche Ebene durchquerend. „Nawatwillstedennnawatwillstedenn?“

Erschöpft lege ich im spärlichen Schatten eines Oleanderstrauches eine Pause ein. Ich träume. Spiele mit einer Gruppe Mädchen und Frauen auf einem Sandplatz Fußball. Sie unter Schleiern, mit gerafften Djellabas. Ich höre ihre kehligen Rufe. Keuchen, Gelächter. Es wird gerannt, gerempelt und geschubst. Eine Staubwolke über den balgenden Stoffpuppen dämpft alle Farben und vernebelt den Blick. Mir, der Unvermummten, knirscht die Lust auf den Zähnen. Ich beobachte wie eine von den älteren Frauen sich den Ball schnappt, unter die Kutte schiebt und breitbeinig davonläuft. Sie bleibt am Spielfeldrand auf dem Ball sitzen und schaut uns zu. Ich habe es gesehen. Alle haben es gesehen. Aber das Spiel ist noch nicht aus. Ein menschliches Knäuel schießt kreuz und quer. Es geht ruppig zur Sache. Keine Gnade. Keine Gefangenen. Nach einer Weile verabschiedet man sich höflich, Hand aufs Herz und ich, benommen und benebelt, komme mit einem blauen Auge davon. Die Mädchen und Frauen fahren auf ihren Mopeds nach Hause, ziehen sich um, und gehen in Jeans und T-Shirt auf den Markt zum Einkaufen.

*
Ich habe Durst. Bin wieder unterwegs unter sengender Sonne, und die Strasse stadtauswärts legt sich in Falten. Ich halte nach einem Taxi Ausschau. Ein Wagen hält und ein wunderschöner Mann in tiefblauem Gewand sitzt am Steuer. Ich nenne mein Ziel und der Tuareg – ja, es kann ja überhaupt nur ein Tuareg sein, schaltet das Taximeter ein. Nach einer lächerlich kurzen Fahrt sind wir da. Ich zahle, er führt die Münze an Lippen und Stirn, bedankt sich, grüßt Allah.

Von der Place Foucauld gehe ich, so schnell mich meine müden Füße tragen, directement ins Café des Princes, um eine Mandelmilch zu trinken, die mir als Fata Morgana schon seit dem verhängnisvollen Fußballspiel vor den Augen tanzt. Es ist 18:00 Uhr. Tout Marrakesch ist eingekehrt, Törtchen und Eisbecher verzehrend. Ich sitze zwischen den feinen Leuten da wie der alte Kummer, in staubigen Stiefeln und schmutzigen Hosen. „Na, wat willste denn?“ Im Bad wasche ich mir Gesicht und Hände, creme mich ein. Setze mein Tarnkäppchen auf, damit ich wieder unbemerkt schauen kann. Ich sehe eine Frau, die sich in ihr eigenes Spiegelbild verwandelt haben muss. In das Bild in einem dieser Zerrspiegel auf dem Jahrmarkt. Ich traue meinen Augen nicht ganz, und kann es auch jetzt nicht besser beschreiben. Möglich, dass sie eine Zwergin ist. Aber vielleicht ist sie auch nur sehr klein und hat einen überdurchschnittlich langen Oberkörper. Die schulterlangen Haare lassen den Hals kürzer und das Gesicht länglicher erscheinen. Beine und Gesäß sind gedrungen, aber nicht stämmig oder verwachsen. Eine Schönheit, die von der Seltsamkeit ihrer Proportionen durchdrungen ist. Ein Wesen, wie von einem anderen Planeten.

Bevor ich aufbreche, um mir für mein Abendbrot auf dem Platz Djemaa El Fna eine Nummer zu ziehen, werfe ich noch einmal einen Blick in den Spiegel im Bad. Mein Gesicht ist geschwollen, und die Augen von der Hitze des Tages und dem Staub im Wüstenwind ganz klein und gerötet. Ich sehe aus wie eine hochneurotische Version des Elephant Man. Mindestens so traurig und mindestens so einsam. Allein, mir fehlt der Glaube. „Na, wat willste denn?“ Dabei muss ich doch nur meine Perspektive verschieben.

Irgendetwas über den Blick.
Erst zum Wallfahrtsort der Blinden, dann sehen wir weiter.

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Heute ist Samstag. Die Hysterie unter den Händlern in den Souks sprüht Funken, und man wird ärgerlich angesprochen, wenn man versucht sich dem Werben zu entziehen. Mit der Energie, die durch die Reibung der Menschenströme in den engen Einkaufsschneisen entsteht, könnte man sämtliche Lichterketten zum Glühen bringen, die nach Einbruch der Dunkelheit die Fressstände auf dem großen Platz beleuchten. Aber dann würden zwei wichtige Zutaten zu diesem kulinarischen Erlebnis fehlen: der Dieselgestank und das Generatorengeknatter. Man würde die Geräusche Marrakeschs einfach so hören, aber das Schöne ist doch, ihrer ganz allmählich gewahr zu werden: Zigarettenverkäufer, die in einer Hand die offene Packung halten, in der anderen Hand die Münzen klimpern lassen. Die Schuhputzjungen, die mit der Bürste an den Holzschuber klopfen, in dem ihr Sortiment an Wichse, Bürsten und Lappen untergebracht ist. Das Plocken der Bettler, die mit ihrer Sammelbüchse auf den Krückstock schlagen. Das Zischeln und Schnalzen, das He-Ho-He-Ho. Und das „Bonjour, ca va?“ von allen Jungen und fast allen Männern. Das Bimmeln der Wasserverkäufer, Mopedgeknatter, Motorenlärm und
Pferdegetrappel
Blechernes Rappeln
Schnarrende Saiten
Kratzende Geigen
Steppender Tanz
Lässiger Gesang
Inbrünstiges Proklamieren
Sich heiser brüllende, Feuer prustende Akrobaten mit ausgebrannten Mündern.
Wanderschauspieler, Geschichtenerzähler. Seelenbändiger und Quacksalber.
Von überall her mal tiefes und weiches, mal hartes und grelles Trommeln. Und wenn dann die Muezzine singen, laut und leise hinan und hinableiernd von tausendfach abgespielten Tonspuren, wird es rings herum ganz plötzlich still. Man hört nur noch das Schlurfen der Männer, die sich in die nächstgelegene Moschee begeben.

*
Nicht vergessen:
Um 19:00 Uhr, Gesang der Muezzine + Geräusche der Vogelschwärme über den Dächern der Medina aufnehmen.
Kutschfahrt rings um die Stadtmauern, kurz vor Sonnenuntergang
Pferdegetrappel aufnehmen (währenddessen)
Spiegelschrift üben

Vorwärts. Rückwärts.
Irgendetwas über den Moment
In dem Angst
Die eigene und die andere
Schmerz, der eigene und der andere
Sehnsucht, die eigene und die andere
und Glück, das eigene und das andere
In dem Nähe und Distanz, Harmonie und Dissonanz ineinander übergehen.
Meine und Deine Worte und deren Wiedergabe durch einen jahrhundertealten Trichter, den wir uns bemühen blank zu putzen, auch innerlich, immer wieder. Damit, falls doch einmal etwas Neues durchgeflüstert wird, nichts an alten Ablagerungen hängen bleibt. An Wortwülsten und Hülsen, Vorlagen aus dem Zwischenspeicher. Was für ein Monster! Ich meine, wie oft wiederholt man sich? Wie oft hört man Dinge, die gar nicht gesagt wurden? Ich meine, was hast Du gesagt?

Und wie selten sieht man das, was wirklich da zu sehen ist?

Ich habe mir Arbeit mitgenommen. Von Anfang an hatte ich das Gefühl, dass Marrakesch der richtige Ort sein würde, sich mit der Aufgabe zu beschäftigen aus einer Geschichte von Edgar Allan Poe einen Song zu drechseln. Ich war frei zu tun was ich wollte. Aber es war gar nicht so einfach, durch eine Sprache, die nicht die meine ist, auch nur den Schimmer einer Reflektion wahrnehmen zu können. Es war das Thema „sich ein Bild machen,“ das mir in zwei Geschichten des Autors begegnete: Das Ovale Portrait und Ligeia. Und wo wenn nicht in einem moslemischen Land, dessen Religion genau das verbietet, sollte man sich noch einmal mit dieser unseligen Angewohnheit beschäftigen?

Irgendetwas über das Leben.
Erst zu den Ruinen des El Badi-Palastes und dann zu den Werkzeugmachern.

*
Ich habe die Störche in ihren Nestern klappern hören
Auf den Mauern rings um das Nichts
Das einmal ein Palast war
Von schier unglaublichen Ausmaßen
Von großer Pracht
Weich war die Luft
Und die lehmfarbenen Mauern reflektierten da hinein einen zarten rosa Schleier
Nur einen Hauch
Eine Spiegelung
Eine Erscheinung am frühen Nachmittag
Ein guter Geist
Die Ahnung eines Duftes
Den ein Rosengarten vor Jahrhunderten dort einmal verströmt haben wird
Ich habe im Schatten der einzigen Palme gesessen
Und geweint und geweint und geweint
Und als ich zwei Wochen später endlich damit aufhörte
Wusste ich
Was damals mit mir los war
Es war eine Knospe
Die sich öffnet
Während das Herz sich verschließt
Es waren all die Gedanken
Die ich gefühlt hatte
Und all die Gefühle
Die ich gedacht hatte
Es war Leben
Das ich gesehen
Das ich gelebt und hatte gehen lassen
Es war Begrüßung und Abschied
Für die Dauer eines Blinzelns
Ein Wimpernschlag in Zeitlupe
Es war die Erinnerung an alles
Was ich je besessen
Doch geahnt hatte
Seiner nicht würdig zu sein
Wissend
Dass mir nichts gehört
Und dass ich den Preis noch nicht bezahlt habe
Für alles
Was ich verschenke

„Na, wat willste denn?“

Doch wenn da jetzt nichts mehr ist
Bedeutet das ja nicht
Dass da nie etwas war.

© Katharina Franck. 31/3/2010 (Alle Rechte vorbehalten!)

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