#andwhataboutthelyrics – Folge 8

„Melancholisch und sehr, sehr wütend“, oder doch eher ein “superfröhliches Lied mit der ganzen Kraft eines Neubeginns?“ Damals, wie heute gilt für meinen musikalischen Ausdruck fast immer beides. Und alles was davor, danach und dazwischen möglich ist.

Bei „Sacred“ fällt es mir schwer, den Zeitpunkt der Entstehung mit irgendeinem klaren Lebensgefühl von mir zu verbinden. Oder besser gesagt, mit einer Erinnerung daran. Es gibt gerade in den frühen Jahren einige Songs, in denen ich entweder in einem Monolog oder im Zwiegespräch einiges klarzustellen habe. Die Songs „Good“ und „I Know More Than You Know“ sind gute Beispiele dafür.

Ganz ähnlich wie bei „Blueprint“ geht es bei „Sacred“ um Aufbruch, und alles was die Zukunft bereithält, ist besser, schöner und strahlender als das, was gewesen ist, sonst würde man ja auch kaum aufbrechen. Doch anders als bei „Blueprint“, bei dem sich ein selbstbewusstes, lebensfrohes Wesen von einem offenbar entmutigten deutlich abgrenzt, wird bei „Sacred“ eine komplizierte Beziehung zunächst in ihre Einzelteile zerlegt und somit klargestellt: It takes two to tango.

Heading for the big time
If you can feel my energy 
It’ll hit you in the middle
If you can tell my fantasies
You won’t fall through my riddle, no
Sacred Sacred
Sacred Sacred
Sacred Sacred
Oh yeah

So secure
I’m feeling so secure
Cause I’m as simple as can be
And that’s complicated too
But it helps me to survive

So divine
You’re feeling so divine
And sacred is the word
The word you redefined, oh
How we were in love
Entranced
So obviously

Heading for the big time
If you can feel my energy

Die älteste Aufnahme, die ich von „Sacred“ habe, stammt aus dem Jahr 1986. Irgendwann vor dem Debutkonzert meiner Band RAINBIRDS Mitte Juni desselben Jahres, war ich mit meinem „Entdecker“ Thomas Fehlmann im Studio. Er wollte herausfinden, wie sich meine Songs und meine Stimme mit seinen elektronischen Versionen vertragen würden. Es kann mich damals nicht überzeugt haben, denn die Geschichte ging anders und zunächst ohne den Song weiter.

So dismal
I’m dancing on my own
We were hearing different songs
Each in a different beat
I wonder how we made it
Made it

So severe
How fast we fell apart
My heart laid on my tongue
I swallowed with the pain
It is crumbling in my womb
One more language gone
Another broken path
Through this labyrinth of thoughts
Makes me wonder how I made it
Sacred (Say!)

Heading for the big time
If you can feel my energy

Weiter handelt der Text davon, wie wichtig das Reden miteinander ist, wenn man sich beim „Tanzen“ aus Versehen oder mit voller Absicht gegenseitig ein Bein stellt. In letztem Falle wäre Schreien und mit Tassen und Tellern werfen keine schlechte Idee. Nicht zu empfehlen ist es hingegen, die Worte, egal wie schmerzhaft sie sind, herunterzuschlucken. Schweigen ist nicht Gold!

And sacred is the world
The world I don’t belong to
Or did I get it wrong and
Did I scare you in being
So aware
That sacred is your word
And simple must be mine
I am setting out
Sacred 

Doch ganz bestimmt ist der Text kein Kommentar auf die frühe Auflösung der ersten RAINBIRDS-Besetzung, denn da war der längst geschrieben. Die erste veröffentlichte Version des Songs, mit einem Arrangement von Ulrike Haage, erschien als Bonustrack zur Singlerelease „Love is a better word (White City Of Light)“. In musikalischer Hinsicht war die Kombination von akribisch programmierten Keyboardsounds und dem virtuos gespielten Fagott unserer viel zu früh verstorbenen Kollegin Lindsay Cooper ein strahlend schöner Ausblick auf eine sich noch zu entfaltende, spannende Musikerinnenkarriere.

Lindsay Cooper im Studio mit Rainbirds (ca. 1992) ©KFprivat

Heading for the big time
If you can feel my energy
It’ll hit you in the middle
If you can tell my fantasies
You won’t fall through my riddle, no
Sacred Sacred
Sacred Sacred
Sacred Sacred
Oh yeah

*

Hier geht es zur ersten veröffentlichten Version von 1989.
Hier geht es zum Remake von 2014. Und obwohl mich die Entstehung dieser Fassung fast in den Wahnsinn getrieben hat, muß ich meinen Produzenten Bela Brauckmann und Gunter Papperitz zugestehen, sie hat das Zeug zum Hit.

PS.

Der Text folgt der Version von 2014. In der älteren Fassung singe ich in der 4. und 5. Strophe diesen Text:

So severe
How fast we fell apart
My heart laid on my tongue
I swallowed with the pain
It is crumbling in my womb
And how it moves me
I whirl and I turn around
As I am heading off the ground
I am neither lost nor found
I am just setting out
Yeah!

©Katharina Franck, 31.08.2017 (für Robert Leopold Fischer)

#andwhataboutthelyrics – Folge 7

Der Song, der 1991 auf dem Album RainbirdsTwo Faces veröffentlicht wurde, ist ein gutes Beispiel dafür, wie eine Komposition zu einem Text inspirieren kann, der nicht unbedingt die autobiografischen Züge der Autorin trägt, oder etwas soeben Erlebtes verarbeitet. Und wie dieser, dann gesungene Text, das Arrangement des Songs beeinflusst.

Coverfoto ©Anton Corbijn

Die musikalische Vorlage von Ulrike Haage zu „Big Fat Cat“ entstand in 1989, als sie mit FM Einheit, Alfred 23 Harth und dem Sänger Phil Minton in der Formation Vladimir Estragon unterwegs war und die Rainbirds auf Tournee als Keyboarderin unterstütze. Damals haben wir uns kennengelernt, und als wir begonnen hatten, im Duo zusammenzuarbeiten, habe ich mir den Song vorgeknöpft. Mir überlegt, wie und was ich dazu singen könnte.

Ein Junge stellt nach dem Tod des Vaters fest, dass die Mutter nicht nur die gütige Person ist, die sich um ihn kümmert, immer für ihn da ist und sich von dem Vater und ihm alles gefallen lässt. Ihr facettenreiches Wesen ist ihm unheimlich. Ein neuer, verwirrender Geruch geht von ihr aus, und der wiegende Gang, mit dem sie aus seiner Welt hinaus und wieder hinein zu laufen scheint, wie es ihr gefällt, irritiert ihn. Er muss feststellen, dass sie möglicherweise ein Doppelleben führt, oder gar sieben Leben hat, wie ein Katze. Ihre Schönheit, die ihn bislang bezaubert und beruhigt hat, macht ihn neuerdings nervös, und ihre Weichheit und Wärme, die ihn immer so wohlig umgeben und sich seiner selbst hat sicher fühlen lassen, wirkt nun abgründig und irgendwie aufdringlich.

Darauf, dass all dies möglicherweise etwas mit dem Erwachen seiner Sexualität zu tun haben könnte, kommt der Junge nicht. Es macht ihn völlig fertig, und so sinnt er auf Rache für diesen offenkundigen Betrug.

Slowly
Catlike
Like a big fat cat
Walking
She’s waltzing
In and out of this life
Your last life
Before your Daddy died
She was mysterious and pretty
But now she’s got a smell of her own
And many different faces
Her taste is somewhat bitter
But if you follow her traces
It gets so confusing
You confuse me
You confuse me

Oh, Daddy kept showing me
How to play tricks on you
And still walk away with dignity
Mama never falters
As long as Mama’s your name
And no matter what I did
You were there to take the blame
But now I found you’re a cat
And you live seven different lives
It gets so confusing
You confuse me
You confuse me
Oh!
Big Fat Cat
I’ll get you
Yeah!
Big Fat Cat
I know I’ll get you

Mit dem Arrangement, bestehend aus Piano, Syntheziser, E-Bass, Cello, Darbouka, Tambourin, Fingerzimbeln, Katzenschnurren und einem, über zwei Oktaven hinausgehenden Melodiebogen gehört dieser Song zu den musikalisch anspruchsvollsten aus dem Hause Rainbirds. Jemand hat ihn ins YouTube hochgeladen.

© Katharina Franck, 04.08.2017 (für Barbara Braun).

#andwhataboutthelyrics – Folge 6

Im Juni 1984 forderte der Radiomoderator Wolfgang Kraesze in seiner Sendung „Heimatlied im SF-Beat“ die Hörer_innen auf, Texte, Gedichte oder Lieder über ihre Heimatstadt an das Radio zu schicken. Er hatte seine Sendung an jenem Tag gänzlich den Songs von Bruce Springsteen gewidmet und versprach, die interessantesten Beiträge in seiner nächsten Sendung vorzustellen. Ich saß in meinem Zimmer in der Pücklerstrasse 18 in Berlin-Kreuzberg auf meiner Matratze und stürzte mich sofort in die Arbeit an dem Song „White City Of Lights” [sic].

Dass meine Heimatstadt Lissabon sein könnte, darüber habe ich mir damals ganz bewusst wohl eher keine Gedanken gemacht. Heimweh war für mich immer schon etwas, was nicht an Orte gebunden ist. Man kann auch Heimweh nach einem Gefühl, einem Selbstverständnis, nach der Fähigkeit arbeiten zu können, oder nach Ruhe und Glück haben. Songs und Texte zu schreiben, bedeutet für mich auch heute oft noch, mich mit meinem Unterbewusstsein zu beschäftigen. Dingen, für die mir die ganz alltäglichen Worte zu fehlen scheinen, auf singende Weise Ausdruck zu verleihen.

Über meinen Song „Blueprint“ habe ich ca. zehn Jahre nach dessen Release einmal ein Gedicht geschrieben:

Dies ist kein Liebeslied
Nie ist es eines gewesen
Es ist
Wie fast alle diese Lieder
Ein Abschiedslied
Abschied nehmen von einem Leben
Das noch kommen sollte
Das noch gelebt werden wollte
Aber besser ist es ja
Sich schon einmal zu bedanken
Für die schönen Tage
Die man miteinander verbringen wird
In einer herbeigesehnten Zukunft
Um dann guten Mutes voranzuschreiten
Allein
Weil es so schön ist
Allein zu sein
Wenn man sich dann begegnet
Sich viel Neues zu erzählen
Dann bleibt man eine Weile
Oder eben nicht
Dann geht man
Das finde ich schön

Es liegt nahe, dass es sich bei dem Song „Love Is A Better Word (White City Of Light)“ auch um ein Abschiedslied handelt. Die Stadt Lissabon, in der ich aufgewachsen bin, ist nicht direkt gemeint. Ich besinge in diesem Song den Abschied von meiner Kindheit und von den ersten zwiespältigen Erfahrungen als junge Frau, die vielleicht einen Plan hat, aber noch keine Ahnung. Ich singe von einer Geborgenheit, auf die man sich nicht verlassen kann und sich deswegen auf die Suche nach etwas Anderem / Besseren begibt. Etwas, das einem nichts vormacht, einen nicht verunsichert und nicht erschöpft.

White City of Light
You’re dark in the middle
City of dreams
I want to hide in your womb

White city of light
You got me into trouble
City of lies
You took me for a fool

Love is a better word
Love is a better word
Love is the only word
That you understand

White city of love
You’re such a pretender
City of sleep
You took all of my energies

White city of fights
I want to surrender
City of schemes
I am lost in your life

Love is a better word
(Got to find me a better word)
Love is a better word
(Got to get me an easy word)
Love is the only word
That you understand

White city of light
You’re so dark in the middle
City of dreams
I wanna hide in your womb

Love is a better word
(Got to find me a better word)
Love is a better word
(Got to get me an easy word)
Love is the only word
That you understand

Got to get me a better word
Got to get me a better word
Got to get me a better word

Als ich den Song schrieb, hatte ich Portugal und mein Elternhaus rund drei Jahre zuvor verlassen. Ob ich damals meinen ersten Besuch zu Hause nach dem Aufbruch in ein eigenes Leben noch vor mir hatte, weiß ich nicht mehr. Nur, dass ich mir damit Zeit gelassen habe. Das Wort „Love“, für das ein besseres gefunden werden muss, steht hier ganz allgemein für das eigene Leben, das eigene Empfinden und den eigenen Weg. Dass schlussendlich dieses „Love“ das einzige Wort ist, das völlig wertfrei für alles steht, was war und ist, was hätte sein sollen und noch kommen wird, ist das schöne und klare, dem Leben zugewandte Fazit des Songs.

Die erste Version von “Love Is A Better Word (White City Of Light)” erschien Anfang 1989 mit dem Album Call Me Easy, Say I’m Strong, Love Me My Way, It Ain’t Wrong.

Und auf Spotify könnt ihr die Fassung hören, die 2014 mit dem Album YONDER veröffentlicht wurde.

© Katharina Franck. 11. Juli 2017 (für Ralph J. Loerke)

 

#andwhataboutthelyrics – Folge 5

„Die Musik schließt dem Menschen ein unbekanntes Reich auf, eine Welt, die nichts gemein hat mit der äußeren Sinnenwelt, die ihn umgibt und in der er alle bestimmten Gefühle zurücklässt, um sich einer unaussprechlichen Sehnsucht hinzugeben.“ (aus: „Die Serapionsbrüder“ von E.T.A Hoffmann)

Frage: Ab wann ist ein Leben ein langer, ruhiger Fluss?
Antwort: Keine Ahnung!

So wie ich das nun seit einigen Jahren beobachte, werden mich die Hochwasserphasen, Stromschnellen, Strudel, unerwartete Sturzbäche, Wasserfälle, gefolgt von Perioden extremen Niedrigwassers oder brackiger Brühe wohl noch bis ins hohe Alter begleiten. Erlösung kommt mit den Regengüsse biblischen Ausmaßes, in die ich schreiend hineinlaufe, mir die Kleider vom Leib reiße, um mich von allen Sünden reinzuwaschen und wie neu geboren zu fühlen. Zumindest wie im Kino, oder in der Fantasie.

Freude, Schmerz, Verwunderung, Frechheit, Komik, Enttäuschung, Sehnsucht, Lust, Zärtlichkeit, Wut und himmelhochjauchzend zu Tode betrübte Einsamkeit. All das kann man nicht selten bei meinen Live-Auftritten mitfühlen. Manchen ist das zu viel, aber einige kommen genau deshalb immer wieder und lassen sich von diesen, für mich lebenswichtigen Energieschüben mitreißen.

1. Strophe:

When pain and pondering is all I have left
And all I can think of is retaliation
Insane and somber moods persist
They break my heart
A river survives it`s draughts and tides
And I should let go of this bitter notion
Transfigured a lost love to one never ending
Tears me apart

River And Rain handelt zunächst einmal von einer vergangenen Liebe, die man krampfhaft zu verlängern sucht. Wie dadurch nichts außer düstere Gedanken und verstörende Rachegelüste übrigbleiben, und wie man allmählich beginnt, sich selbst dafür zu hassen. Obwohl man weiß, dass mit derselben zerstörerischen Energie das ganze Festhalten aufgebrochen werden kann, und alles um einen herum wieder zu strahlen und alles in einem selbst wieder zu blühen beginnt.

2. Strophe:

The moist and fertile grounds I chose
To bury softness and appreciation
Could turn into fields of succulent grass
And ease my mind
A river survives it`s draughts and tides
And I could get rid of what I carry with me
Slag and mud and a monkey wrench
Turn that page

Solch eine Katharsis ereilt einen ja nicht ständig. Man kann schon froh sein, wenn einem zuweilen ein Licht aufgeht. Wie die Dinge und die Menschen, die einem zu schaffen machen, zu verstehen sind, in welchem Kontext sie stehen, und wofür das lange Festhalten an ihnen gut ist. Am allerwichtigsten ist es aber, den richtigen Augenblick nicht zu verpassen, diese Dinge und Menschen endlich loszulassen.

Refrain:

Sweep it all away
Drown it in the sea
Smooth down the edges
The dissimilar pledges and
Bring it all back to me as
Rain

Und so lasse ich in meinem Lied den Fluss, der die Wolken speist in deren Regenguss ich mich stelle, meine wirren Widersprüche hinaus aufs offene Meer spülen, mit Geröll und Dreck und allem, was so anfällt an Abfall.

Hört Euch River And Rain auf Spotify an.

© Katharina Franck, 12.06.2017 (für Bernd Baumgarten)

#andwhataboutthelyrics – Folge 4

Seit geraumer Zeit versuche ich, mir eine Soloversion von „Sea Of Time“ zu erspielen. Der Song wird immer wieder vom Publikum gewünscht, und jedes Mal rede ich mich raus und sage, nein, das ist ein Bandsong, der funktioniert so ganz alleine gespielt nicht, da fehlt was, und so weiter. Doch ob ein Song, in welcher Besetzung auch immer, funktioniert oder auch nicht, hängt auch von der Performance ab, und ob die Sängerin in der Lage ist, das Publikum mitzunehmen, während sie zum Kern des Liedes vordringt und sich dort davon erfassen und erfüllen lässt.

Neulich auf der Terrasse ist mir das nicht gelungen. Ein Publikum gab es nicht und den Katzen war zu heiß. Aber mit einem Mal hatte ich andere Akkorde in den Fingern und ich sang „On The Balcony“, eines meiner Kinderlieder. Der Song handelt von jemandem, der im Kino vor der wirklichen Welt und seiner eigenen Geschichte Schutz sucht. Der, wenn der Vorhang aufgeht, aus vielen verschiedenen Perspektiven am Leben teilnimmt, ohne sich zu verlieren.

Dieser Song könnte eine ziemlich akkurate Beschreibung meines Lebens als Teenager und meiner ersten Jahre in Berlin sein. Aber den Moment, wo der Protagonist den Schlüssel wegwirft und doch verloren geht, habe ich immer wieder ausgelassen und stattdessen versucht, meine Bilder und Gedanken in gut klingende Worte zu fassen, damit ich sie singen kann.

Der Text zu „Woman With A Golden Eye“ ist vermutlich 1989 oder 1990 entstanden. Das waren aufgewühlte Zeiten. Aber ich habe mich nicht ins Kino verdrückt, sondern in sehr viel Arbeit gestürzt, was ja eine gesellschaftlich anerkannte Form des Eskapismus ist. Von meiner neuen Partnerin Ulrike Haage kamen viele Musikvorlagen, darunter auch die für diesen Song, der auf dem Album „Rainbirds Two Faces“ 1991 zum ersten Mal veröffentlicht wurde. Der Text strotzt von Zitaten und beschriebenen Gefühlen, wie ich sie beim Lesen von Büchern und beim Schauen von Filmen gehabt haben mag.

Stellt Euch die Farben und das Licht von dem Film „Reflection in a golden eye“ von John Huston vor, eine vorlagengetreue Verfilmung des gleichnamigen Romans von Carson McCullers. Truman Capotes Romane „Other Voices, Other Rooms“ und „The Gras Harp“ haben Cameoauftritte, und der Film “Sauve qui peut – la vie” von Jean Luc Godard, der mich in den 1980er Jahren fasziniert hat und eine der Inspirationsquellen für die Schnitttechnik bei meiner Textarbeit zum „Zeitlupenkino“ war, taucht auch auf.

Here’s a movie
Slowly moving
There is music in the distance
I hear nothing but the past
Like a fist I’m slowly closing
As I dance and fall like rain
It is coming down in black and white
Coming down as something else
Something that nobody claims

Da zieht ein Film langsam an mir vorbei
Da ist Musik in der Ferne
Mich holt die Vergangenheit ein
Ich verschließe mich ihr wie eine Faust
Ich tanze und löse mich auf
Alles zerfällt in Schwarz und Weiß
Wird zu etwas anderem
Was niemandem gehört

Woman with a golden eye
Can see further than the sky
Woman with a golden eye
Can see further than the sky

Like a love that never ended
The fundamental mood of Why
I hear the grass and trees are-a-singing
Voices in another room
As I dance and rise like heaven
Return into a sunken dream
The center of a hurricane
Is free of guilt and safe from pain

Wie eine Liebe nicht vorbei war
Wie dennoch alles in Frage gestellt wurde
Ich das Gras und die Bäume singen hörte
Und Stimmen in einem anderen Raum
Wie ich tanze und abhebe und
In einen versunkenen Traum zurückkehre
Dem Inneren des Orkans
In dem keine Schuld und kein Schmerz ist

Woman with a golden eye
Can see further than the sky
Woman with a golden eye
Can see further than the sky
The center of a hurricane
Is free of guilt and safe from pain

Vielleicht ist die Frau mit dem goldenen Auge, die sogar über den Himmel hinaus sehen kann, das Innere des Sturms der Bilder und Gedanken, die wir erst noch zulassen und verarbeiten müssen, bevor wir wirklich Neues erleben können. Das Auge des Sturms, in dem man keine Schuld und keinen Schmerz spürt. Diese trügerische Ruhe.

Hört hier die Originalversion von 1991
Hört hier das Remake von 2014

© Katharina Franck, 16.05.2017 – für Christoph Endres, Elke Holzmann und für mich

#andwhataboutthelyrics – Folge 3

Wenn ich mir die Aufnahme anhöre, die Anfang 1989 mit dem Album „Call Me Easy, Say I’m Strong, Love Me My Way, It Ain’t Wrong“ veröffentlicht wurde, fällt mir zuallererst das Sofa im Audio Studio in Berlin-Lichterfelde ein. Auch das Debütalbum, das Ende 1987 erschien, hatten wir dort aufgenommen. Und irgendwann, zwischen den Sessions zum ersten und zum zweiten Album, habe ich „Jesus First!“ geschrieben.

In den Pausen fläzten wir auf dem Sofa herum, tranken zuckersüßen Kakao aus einem Automaten und folgten mit den Blicken den Zwergkugelfischen, Banderolenkärpflingen und Tüpfelbuntbarschen in dem Aquarium, das in die gegenüberliegende Wand eingelassen war. Manchmal lief auch die Glotze, links oben unter der Decke hing sie, und einmal wurde eine Reportage über eine christlich geführte Suchtklinik gezeigt. Ich erinnere mich an die Patientin, die darüber sprach, wie der Glaube an Gott sie in ihrem Heilungsprozess stärken, ihre Homosexualität aber als Teil des Problems behandelt würde.

Ich war damals weder vor mir selbst, noch vor anderen geoutet. Dass ich Frauen attraktiv fand, belastete mich im Allgemeinen wenig. Der Repressalien, die von Kirche und Gesellschaft ausgingen und ins Private eindrangen, war ich mir aber sehr bewusst. Auch die Musikbranche war weit davon entfernt, mit Homosexualität den entspannten Umgang zu pflegen, für den ich mit diesem Song plädiere. Der Konflikt, in dem sich die Patientin befand, erschien mir absurd und „typisch Kirche“ und auf jeden Fall konträr zu jedweder Art von Heilung.

Das Ergebnis dieser kurzen Pause vor dem Fernseher war also der Song: „Jesus First!“, in dem ein unbeschwertes Ich ein anderes, zutiefst gläubiges, weibliches Wesen zu einem Verführungsspiel auffordert, das wohl schon länger Thema zwischen den beiden ist. Die Grenzen verwischen, Verführte und Verführerin tauschen die Rollen, nur einer bleibt gleich, der lovegod.

Hey
Do you wanna play?
It goes like this…
Jesus First!

Jesus first, she says
And tumbles in the eye of God
I got to remind her of
The things we used to dream about
She tells me
Whisper only
Better don’t you speak at all
Jesus First, she sighs
And tumbles back into my open arms

And I watch her
I know I’m not allowed to touch her
There is a very special kind of mutual loving
She hides her eyes and says it’s shocking
I don’t think I can take that much longer
I tell her any kind of love could make her stronger
She says: I know
Jesus First!

In der zweiten Strophe geben sich die beiden ihrer Lust hin und genießen jenseits aller Bewertung. Weil ein Popsong aber immer sehr kurz sein soll, stellen sie ziemlich schnell fest, dass sie den platonischen flotten Dreier mit Jesus noch spannender fanden als das wahre Ding ohne ihn. Der hübsche Reigen geht also wieder von vorne los. Die Akustikgitarrenmelodie übernimmt den ersten Tanz, die Stimme mischt sich ein, überlässt den Platz gleich wieder der Gitarre. Diese übergibt an die kleine Orgel, die dem Gesang den Boden bereitet, und die in der Bridge von warm klingenden, schalmeiartigen, ineinander verwobenen Gitarrenlinien übernommen wird.
Meine Lieblingsstelle im Song ist der kurze instrumentale Part mit dem sanften Congaspiel, das ganz allmählich Fahrt aufnimmt und den Song, wieder mit Hilfe der kleinen Orgel, in einen ziemlich drängenden Endrefrain überleitet, von dem er sich dann rücklings in andere musikalische Sphären fallen lässt.

Jesus first, she says
And tumbles in the eye of God
She changed her mind last night
The way we felt was beyond wrong or right
She looks at me and smiles
Now ain’t there something missing
Yeah, Jesus First! we praise
Jesus First she says
And tumbles back into my open arms

And I watch her
I know I’m not allowed to touch her
There is a very special kind of mutual loving
She hides her eyes and says it’s shocking
I don’t think I can take that much longer
I tell her any kind of love could make her stronger
She says: I know
Jesus First!

There is a little good looking lovegod over here for you
Hello
Lovegod
Love
God

Hört Euch „Jesus First!“ auf Spotify an:
Die Originalversion von 1988
Das Remake von 2014

© Katharina Franck, 20.04.2017, für Christoph Endres und Stephen Janetzko

#andwhataboutthelyrics – Folge 2

Die Bedeutung dieses Songs halbwegs auf den Punkt zu bringen, ohne dabei aus Versehen das Geheimnis zu lüften, welches ihn für Euch interessant macht, ist hier die große Herausforderung. Ich erinnere mich an die Bilder und woher sie kamen, und dass sie auch heute noch für mich von Bedeutung sind, für das was war, was ist und sein wird. Deswegen nenne ich meinen Text über diesen Track: KF trifft M. C. Escher und Alice hinter den Spiegeln im Raum-Zeit-Kontinuum.

Mit dem ursprünglichen Wiegenlied, auf das ich mich bei „Sea Of Time“ beziehe, habe ich mich als kleines Mädchen selber in den Schlaf gesungen. Es war ein Lied, mit dem ich mich im Dunkeln meiner selbst vergewissern und mit dem ich gleichzeitig eine akustische Verbindung zu den Eltern und der Schwester herstellen konnte, die sich irgendwo jenseits meines Zimmers aufhielten. Durch einen Spalt der angelehnten Zimmertür fällt Licht. Wenn ich aufhöre zu singen, wird die Türe geschlossen. Wie schön, dass aus dem „Wiegenlied“ im Englischen ein „rocking song“ wird und es somit aus dem Kinderzimmer hinaus in die Welt gelangen kann.

“Sea Of Time” habe ich irgendwann zwischen 1985 und 1987 geschrieben. Ich habe damals das Buch „Gödel Escher Bach“ von Douglas R. Hofstädter gelesen und mich besonders für die Bilder von M.C. Escher interessiert. „Alice im Wunderland“ und „Alice hinter den Spiegeln“ von Lewis Carroll lese ich auch heute immer wieder und Jean Cocteaus „Orpheus“-Verfilmung und auch „Orfeu Negro“ von Marcel Camus habe ich gesehen. An diese Geschichten und Bilder erinnere ich mich, wenn ich mir den Songtext heute vorknöpfe, und sie begegnen mir auch in der musikalischen Umsetzung wieder.

Da geht es über eine Treppe durch einen Bildschirm hinter einen Spiegel die eigene Wirbelsäule hinab durch einen Gang. Während das Kind sich wiegt, geht es weiter. Das ist wichtig. Auf immer neuen Ebenen führt diese „unmögliche“ Treppe hinauf und hinab. Leadstimme und Chor vertreten abwechselnd gegensätzliche Positionen, ob man z.B. seinen eigenen Plan aufstellen und verfolgen darf, selbst wenn er mit den gängigen Anforderungen und Erwartungen nicht kompatibel ist.

Da ist jemand, die versucht, das Zuviel an Eindrücken und Empathie in Schach zu halten, ohne sich abkoppeln zu müssen. Eine, die die Erwartungen an sich selbst und die von anderen aushalten muss. Die Selbst- und Fremdwahrnehmung miteinander versöhnen will. Weil es eben so ist, wie es ist, und irgendwann einmal wird es anders sein. Weil Skizzen, Pläne, Lebensentwürfe ständig Gefahr laufen, von jemandem ungebeten umgeschrieben oder gar gelöscht zu werden.

Zum Schluss lässt sich die Leadstimme leicht erschöpft, aber genüsslich in das Brackwasser gleiten, vor dem sie ständig gewarnt wird. Das Kind konstatiert, dass es völlig okay ist, wenn man es so liebt, wie es ist: nicht selbstvergessen oder ganz bei den anderen. Kein Fahnenträger, aber auch kein Mitläufer. Hier, in ihrem eigenen Raum, und jetzt, in seiner eigenen Zeit.

Herzliche Grüße,

KF

(© KF, 02.04.2017. für Jana Bergk und Cool Hansen)

#andwhataboutthelyrics – Folge 1

Vor einigen Tagen bekam ich eine Mail von dem Vater eines zehnjährigen Mädchens. Er schrieb, seine Tochter hätte sich das Album “Call Me Easy, Say I’m Strong, Love Me My Way, It Ain’t Wrong” angehört und nun wolle sie in einem Musikreferat den Song “Moon” vorstellen. Ob ich wohl etwas darüber schreiben könnte. Ich habe mich drangesetzt, den Song in Schleife gehört und folgendes notiert:

Inspirationsquelle war eine Biografie über Edie Sedgewick. Sie war ein Star in Andy Warhols Factory. Ich war immer schon an den eher gebrochenen Persönlichkeiten interessiert, aber ehe ich einen Song darüber schreibe, wie jemand an sich und seiner Umwelt kaputt geht, finde ich für diese Person einen Ausweg aus eigener Kraft. Oder gebe ihr IHR Schicksal wieder in die eigenen Hände.

Es steckt gleichermaßen ein Willkommenheissen und ein Verabschieden in dem Song. Eine Umarmung/ein Halten und beschützen und ein Loslassen/Gehen lassen. Es steckt in dem Lied eine kindliche, aber sehr starke Art, sich selbst zu behaupten und nicht Opfer zu sein/zu bleiben von irgendwelchen Umständen. Es ist auch schlicht ein sehr schwärmerisches Lied an eine Person, die nicht wirklich da ist.

1. Strophe:

Von Edie Sedgwick kommen die Perlen, die die Person in meinem Lied trägt, an ihren Ohren, in den Haaren, die an Wimpern hängen wie Tränen. Die ich aufsammel, um daran zu messen, wie lebendig diese Person in meiner Vorstellung ist, und wie nah bereits ihrem Ende/ihrem Verschwinden. Obwohl mir das Perlensammeln offenbar Freude bereitet, bin ich bereit, diesen Zustandsmesser ihres Wohlbefindens zusammenzupacken und auf den Mond zu schiessen.

Im Refrain dann die Selbstbehauptung: wenn wir uns ein bisschen mehr anstrengen, können wir uns da oben einen anderen Mond malen (ein anderes Leben, mit einem anderen Ausgang), der auf uns herab scheint, in dessen Licht wir baden/ sind.

2. Strophe:

Die Person in meinem Lied zündet offenbar gerne rings um sich herum Duftkerzen an und ich helfe ihr dabei. Sie ist sich der vielen Geister bewußt, die sie beobachten. Und da sie der einzige Geist in meinem Herzen, in meinem Raum (Leben) ist, hängt Tag und Nacht der Duft dieser Kerzen in der Luft.

Aber wenn sie das will, packe ich auch den Duft zusammen und schiesse ihn auf den Mond. Den Mond, den wir uns selber anders malen können, damit wir in einem anderen Licht baden können, damit wir strahlen können wie ein verrückter Diamant (meine kleines Pink Floyd-Textzitat: “shine on you crazy diamond”).

Ich habe selber keine Kinder und und weiß deswegen nicht so genau, wie weit zehnjährige Mädchen im Allgemeinen sind. Mal abgesehen davon, dass es vielleicht weniger die Worte sind, die sie spannend findet, sondern die Energie des Songs, der treibende Rhythmus und die Zärtlichkeit und Kraft im Gesang. Aber ich glaube, dass Kinder oft viel mehr wissen, als man ihnen zutraut, weswegen sie wiederum dem nicht so ganz trauen, was sie längst begriffen haben.

Wenn ich den Song heute höre, achte ich darauf, wie ich ihn gesungen habe: Die sehr zart und liebevoll gesungenen Strophen, die sehr entschlossen gesungenen Refrains. Und, dass es vermutlich nicht leicht sein wird seinen eigenen Weg zu gehen, kann man in der hochgezogenen Bauchstimme hören. Nur das ganz hohe “Moon” ist schließlich in der Kopfstimme gesungen.

Was mir auffällt: die Geschichte spielt sich in einem sehr kleinen Raum ab, in der Vorstellung einer Person mit viel Phantasie. Und diese strebt raus in den ganz großen Raum und ganz weit nach oben, wo sie außerdem selbst bestimmt, wie es dort auszusehen hat. Aber nicht mit dem Impetus “ich will”, oder “ich muss”, sondern “ich kann”.

Es hat mir Spaß gemacht, mich mit dem Song, meiner Erinnerung daran und dem, was mir heute dazu einfällt, zu beschäftigen. Wer also Fragen zu einem Lied aus meinem Repertoire hat, kann mir ein Mail schreiben oder diesen Beitrag kommentieren.

Herzliche Grüße, KF

 

 

Am Mittwoch, dem 22. Februar 2017 wäre die amerikanische Schriftstellerin Jane Bowles Hundert Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass sendet der Deutschlandfunk am Vorabend das Hörspiel “Bei unserer Lebensweise ist es sehr angenehm, lange im Voraus zu einer Party eingeladen zu werden”, für das ich in 1999 das Manuskript schrieb. Es basiert auf einer Sammlung Briefen, die Jane Bowles im Laufe ihres Lebens an ihre Freunde und ihren Mann Paul schrieb. Sie sind ebenso große Literatur wie ihr vergleichsweise schmales Werk. Zu ihren Lebzeiten wurde nur ein Roman veröffentlicht, „Zwei sehr ernsthafte Damen“. Das Theaterstück „In The Summerhouse“ wurde am Broadway aufgeführt und nach drei Wochen abgesetzt. Und ein paar Kurzgeschichten erschienen im Literaturmagazin Cross Section und in den Zeitschriften Harper’s Bazaar, Vogue und Mademoiselle.

Das kleine Mädchen Jane galt als Wildfang, der Teenager wurde damals wohl als „flatterhaft“ beschrieben. Als junge Frau nennt sie sich selber „Crippie, the Kike Dyke“, was so viel heißt wie „Krüppelchen, die jüdische Lesbe“. (Anmerkung: Das Wort „kike“ ist ein abwertendes Wort für Juden und wird hier nur wiedergegeben, weil Jane Bowles, die aus einer nicht gläubigen jüdischen Familie stammte, sich selber so bezeichnete. Sie hatte außerdem ein steifes Knie und war lesbisch). In einem schien sie allerdings tief entschlossen. Nach einer Begegnung mit Louis Ferdinand Céline in 1934 deklariert sie: „Ich werde Schriftstellerin“.  Ein erster Roman „Le Phaéton Hypocrite“ ist verschollen. Veröffentlicht wird in 1943 ihre bekannteste Arbeit, der Roman „Zwei sehr ernsthafte Damen“, den sie auf Reisen durch Mittelamerika, und zwischen Paris, Mexiko und New York verfasst. Er wird von der Kritik harsch verrissen, wovon sich die 24-jährige Jane Bowles nicht mehr erholt. Oder stand der Verlauf ihres Lebens sowieso schon geschrieben?

Eine der beiden sehr ernsthaften Damen in Janes Roman ist Mrs. Copperfield, eine von hundert Ängsten paralysierte weiße Frau um die 40 aus gutem Hause, die sich in die emotionale Abhängigkeit zu einem Straßenkind begibt. Sie trennt sich in Panama von ihrem Mann, um mit der jungen Prostituierten Pacifica zusammenzubleiben. In einer Szene begegnet sie der anderen ernsthaften Dame wieder, Ms. Goering, und liest ihr den Brief ihres Mannes vor, den er ihr geschrieben hatte, nachdem ihm klargeworden war, dass er seine Reisen ohne seine Frau fortsetzen wird. Am liebsten würde ich hier den gesamten Brief zitieren, aber ich nehme nur einen kleinen Ausschnitt und empfehle Euch die Lektüre dieses unglaublichen Buches und aller Kurzgeschichten, die ihr finden könnt.

„Den ersten Schmerz trägt man in seinem Herzen, weil alle Zärtlichkeit von dort ausstrahlt. Man muss ihn sein Leben lang mit sich tragen, sollte aber nicht um ihn kreisen. Man darf nicht nach Zeichen suchen, die dazu dienen, einem die Gegenwart zu vernebeln. Oft wird man die Illusion haben, die Zeichen seien grundverschieden und hätten nichts miteinander zu tun. Aber sie bleiben immer dieselben. Wenn Dir nur an einem erträglichen Leben liegt, betrifft Dich dieser Brief vielleicht nicht. Herr im Himmel, ein Schiff, das ausläuft, ist immer noch ein wundervoller Anblick. J.C.“

Abschließend noch ein paar Hinweise, wie ihr Jane Bowles’ 100. Geburtstag gebührend feiern könnt:

Eine kurze Biografie zu Jane Bowles findet ihr hier.

Und hier habe ich den sehr lesenswerten Artikel „The Madness Of Queen Jane“ von Negar Azimi verlinkt, der im Juni 2014 im New Yorker veröffentlicht wurde.

Hier geht es zum eingangs erwähnten Programmtipp des Deutschlandfunks. Oben rechts findet ihr den Knopf zum Livestream. Gesendet wird am Dienstag, 21.02.2017 um 20:10 Uhr.

Hier habe ich den Text „Diebin die ich bin“ veröffentlicht, der aus einem weiteren Manuskript stammt, das ich geschrieben habe. Das literarische Feature „Ich war fischen“ über das Leben der Jane Bowles entlang ihres einzigen Romans „Zwei sehr ernsthafte Damen“, wurde 2005 für den SWR produziert.

Und auf Soundcloud könnt ihr für eine Weile die Live- und die Studiofassung meines „A Waltz For Jane“ hören. Die Aufnahme aus dem Studio, an der auch die viel zu früh verstorbenen MusikerInnen David Daoud Coleman (Cello, Darbouka) und Lindsay Cooper (Fagott) mitgewirkt haben, erschien 1993 auf dem Album In A Different Light. Die Live-Version erschien 1999 auf dem Album rainbirds3000.live in der Besetzung mit Tim Lorenz (Schlagzeug) und Ulrike Haage (Keyboards). Beide Alben sind leider vergriffen.

مكتوب [makˈtuːb]

Während ich all dies zusammentrage, höre ich via YouTube Oum Kalthoum und ihr Orchester. Es gibt eine Aufnahme, die ich schon sehr lange suche, da singt sie dieses Wort „mektub“ (es steht geschrieben) über viele Takte hinweg so, dass dem nichts hinzuzufügen ist.

Herzliche Grüße,

KF

 

(noch ein Lied für Jane Bowles)

Es gibt einen weiteren Weg
Siege, die ich errungen habe
Ein zweites Herz
Einen stillen Weg aus Träumen über laute Plätze
Entlang tiefer Schluchten
Über Brücken
Die ich baue
Mit einem einzigen, stimmigen Satz
Baumele ich
Diebin
Die ich bin
Kopfüber von der Balustrade
Kopfüber aus der Welt
Mit einem zweiten wandele ich unter hängenden Gärten
Nasche von Früchten
Kaue Pilze
Esse vom Baum des Lebens und der Erkenntnis
Lösche meinen Durst mit Morgentau
Mit einem dritten überspringe ich Zeiten
Vierundzwanzig Stunden am helllichten Tag
Überwinde ich Weiten
Wüsten
Ohne Wasser
Ohne Kompass
Ohne Brot
Nichts
Außer Worten…, nein
Warten!
Ich meinte: Warten
Mit einem vierten verkündige ich
Das Ende vom Lied
Das Ende vom Lied
Ohne neuen Anfang
No Da capo
Ich mache Schluß

(sie singt:)
Don`t mess with my angel
With my broken wings
For my broken heart
It sings
It sings
I am free
In my cage
Let me be

Und stehe halb versteckt im Schatten der Markise auf dem Markt
Halb verstrahle ich mein eigenes Licht in dunklen Gassen
Halb Fliegengewicht bin ich
Halb Monster
Und ich
Diebin
Die ich bin
Bin da draußen
Jenseits von allem was jemals gewesen
Heiß ist es gewesen
Und trocken
Und dann wieder kalt und feucht
Und klar und verschwommen
War alles da
Wo jetzt nichts ist
Ich nicht die bin
Diebin
Dich ich war
Herzbubedamekönigass
Und ich werde nichts mehr sein

Am frühen Morgen sehe ich die Schiffe ablegen
Am Nachmittag steigen Drachen auf
Am Abend spielen junge Hunde am Strand mit den zurückweichenden Wellen
Nachts ertrinken Liebespaare in der Flut
Und ich
Diebin
Die ich bin
Sehe alles von außen
Außerhalb
Halb Ohrtaub und Staub auf den Lidern
Halb Mundstumm und Spinnweben
In jedem meiner Winkel
Klimmzüge
Hinweg über die Balustrade
Hinaus aus der Welt
Dort bin ich
Diebin
Die ich bin
Ganz da
Hinter Glas
Ganz da
Höre nichts
Ganz da
Kein Lachen
Ganz da
Kein Rufen
Keine erstickten Schreie
Es singt kein Mensch
Es heult kein Tier
Es ist das Ende vom Lied
Das Ende vom Lied
Weil ich es so will

(sie singt:)
Don`t mess with my angel
With my broken wings
For my broken heart
It sings
It sings
I am free
In my cage
Let me be

Es gibt einen weiteren Weg
Siege, die ich errungen habe
Ein zweites Herz
Einen stillen Weg aus Träumen über laute Plätze
Entlang tiefer Schluchten
Über Brücken
Die ich baue
Mit einem einzigen, stimmigen Satz
Baumele ich
Diebin
Die ich bin
Kopfüber von der Balustrade
Kopfüber aus der Welt

© Katharina Franck, 20.8.2004