Aber du bist in mir, in meinem Herzen, und das ist das Wichtigste, nicht wahr?

Dies ist das Manuskript eines Features über die brasilianischen Musikerinnen Rosanna & Zélia, das ich am 24.03.2007 im Freien Radio Bremen (Schwankungen) senden durfte. Ich habe es anlässlich des Todes meiner Freundin und Kollegin Zélia Nougeira da Fonseca mit einem Nachsatz versehen.

(Song: „Águas Iguais“ / Album: „Águas Iguais“)

Zélia schreibt:

Alles begann 1973, als Rosanna mit ihrer Familie von Nanuque im Bundesstaat Bahia nach Itaúna zog, einer Stadt in Minas Gerais, in der ich lebte. Sie war damals zwölf Jahre alt, zwei Jahre jünger als ich, und es gab einen freudigen Aufruhr an der Schule wegen der Neuen, die von weit her – über 900 Kilometer – gekommen war und eine merkwürdige Art zu sprechen hatte. Einen Dialekt, den wir nicht kannten. Rosanna hat mir später erzählt, dass das kein schöner Empfang für sie gewesen sei. Sie war ohnehin schon aufgebracht darüber, aus ihrem geliebten Nanuque wegziehen zu müssen, und wurde dann in dieser fremden Stadt wie ein Wesen von einem anderen Planeten beäugt. Rosanna ging in eine andere Klasse als ich und so begegneten wir uns meist in den Schulkorridoren und tauschten schüchterne Blicke aus.

Sie schreibt:

Rosanna und ich spielten damals schon auf den Schulfesten – nicht gemeinsam, sondern jeweils für unsere eigenen Mitschüler*innen. Erst als der Chemielehrer, der beide Klassen unterrichtete, vorschlug, dass wir uns doch zusammentun könnten, lernten wir uns richtig kennen. Im Laufe von zwei Jahren verliebten wir uns ineinander und blieben unzertrennlich.

Mit dem Chemielehrer, der nebenbei Musiker war und Songs komponierte, gründeten wir unsere erste Band. Eine meiner Schwestern war ebenfalls dabei; sie spielte Gitarre. Wir traten auf vielen Festivals in und um Itaúna auf. In den folgenden vier Jahren spielten wir so zusammen, eigene Lieder und Songs unserer Freunde, bis ich nach Belo Horizonte ziehen musste, wo ich Journalismus studierte. Rosanna blieb in Itaúna und studierte Zahnmedizin. Wir telefonierten stundenlang, und an den Wochenenden, wenn ich meine Eltern besuchte, trafen wir uns.
Es ist unbeschreiblich, wie sehr wir uns miteinander identifizierten und ergänzten, wie stark unsere Wünsche übereinstimmten, wie sehr uns die Vorstellung von einem anderen Leben verband und wie es uns aus der Enge dieser kleinen Stadt und den bürgerlichen Werten der Gesellschaft Itaúnas hinauszog.

Nachdem Rosanna ihr Studium erfolgreich abgeschlossen hatte, zog sie ebenfalls nach Belo Horizonte und eröffnete dort mit zwei anderen Frauen eine Zahnarztpraxis. Die Patient*innen waren überwiegend mittellose Freund*innen und Bekannte, die ihre Rechnungen nicht begleichen konnten. Sie wurden trotzdem immer behandelt. In der Praxis lief ständig Musik, und ich habe Rosanna oft dabei beobachtet, wie sie singend ihrer Arbeit nachging.

(Song: „Felina Flôr“ / Album: „Passagem“)

Zélia schreibt:

Wir fingen wieder an gemeinsam zu musizieren und nahmen beide ein Musikstudium an der Fundação de Educação Artística auf, einer Stiftung, die künstlerische Ausbildungen anbot. Während ich vielen verschiedenen Aktivitäten nachging, viel feierte, gern reiste und versuchte, meine Leidenschaft für die Fotografie durch weitere Kurse zu professionalisieren, konzentrierte sich Rosanna ganz auf die Musik. Auf ihr Drängen hin, begannen wir wieder live zu spielen und mit Musikern aus Belo Horizonte zusammenzuarbeiten. Wir traten in Bars, Restaurants und kleinen Theatern auf. Wir zogen zusammen, doch wir sehnten uns nach einem anderen Leben. Wir dachten daran, Brasilien zu verlassen, um andere Länder und Völker sowie andere Künstler*innen kennenzulernen.

Da bekamen wir von zwei befreundeten Musikern, die in Portugal lebten, die Einladung, sie bei einem ihrer Projekte zu unterstützen. Wir hatten überhaupt kein Geld, aber es gab kein Halten mehr. Wir verkauften alles: die Möbel, die Instrumente, mein Büro und Rosannas Anteile an der Zahnarztpraxis. Außerdem beschlossen wir, uns Jobs zu beschaffen, mit denen wir schneller Geld verdienen konnten. Unser größter Erfolg war der Verkauf von pão de queijo an einem Strand im Süden Bahias. Pão de queijo sind kleine, runde Käsebrötchen, ein typisches Gericht aus Minas Gerais. Wir wohnten im Ferienhaus von Rosannas Eltern in Prado. Einen Monat lang schleppten wir morgens um fünf Uhr Säcke mit Maniokmehl, literweise Milch, unzählige Eier und milden Käse vom Markt in die kleine Küche. Wir rührten alles zu einem Teig, buken die Brötchen und verkauften sie an die begeisterten Einwohner*innen Bahias und ihren Sommergästen. In kürzester Zeit hatten wir genug Geld zusammen, um die Miete in Belo Horizonte zu bezahlen, die wir schuldig geblieben waren, und um eine Anzahlung auf unsere Flugtickets nach Portugal zu leisten. Den Rest zahlten wir in zehn Monatsraten zurück, indem wir Geldscheine in Briefumschlägen nach Brasilien schickten.

(Song: „Postcard – Só de Passagem“ / Album: „Passagem“)

Sie schreibt:

Mit 200 Dollar in der Tasche kamen wir in Lissabon an und wurden noch am selben Abend in einem Jazzclub in der Altstadt für eine kleine Einlage auf die Bühne gebeten. Es war ein unglaubliches Erlebnis: Eine völlig neue Klangwelt tat sich auf! Zum ersten Mal überhaupt spielten wir über eine richtige PA. Wir hatten uns selbst noch nie so gehört. Wir waren begeistert – und der Betreiber des Clubs ebenso. Er engagierte uns vom Fleck weg für 15 Tage. Das einzige Problem: Wir hatten keine eigenen Instrumente. Aber alles ging gut. Ein Musikalienhändler vertraute darauf, dass ich ihm die Gitarre nach dem Ende des Engagements bezahlen würde. Und so war es.

Alles entwickelte sich in Windeseile. Ein Job brachte uns den nächsten. Wir kamen nicht einmal mehr dazu, mit den Musikern zusammenzuarbeiten, die uns nach Portugal eingeladen hatten. Von Lissabon ging es nach Porto, wo wir einen ganzen Monat lang am selben Ort auftraten. Insgesamt blieben wir vier Monate im Norden und wohnten in einem kleinen Zimmer im Haus einer portugiesischen Familie.

Wir kehrten für einen weiteren Monat nach Lissabon zurück. Von dort holte man uns für ein einjähriges Engagement nach Albufeira. Wir lernten einen Journalisten und Musikproduzenten aus Finnland kennen, der seine Sommerferien an der Algarve verbrachte. Er lud uns zu einer Tournee durch Finnland ein. Wir fuhren mit dem Schiff und spielten während der Überfahrt für die Mitreisenden, um unsere Passage zu bezahlen. Zunächst blieben wir zwei Wochen im Land. Im folgenden Jahr sollten wir wiederkommen: Innerhalb von vier Monaten spielten wir 56 Konzerte in 16 verschiedenen Städten. Es war der helle Wahnsinn!

(Song: „Luarmina e o Mar“ / Album: „Águas Iguais“)

Zélia schreibt:

Danach kamen wir nach Deutschland. Harry, ein sehr guter Freund von uns, fuhr uns in seinem Auto von Lissabon nach Wetzlar, wo er lebte. Wir konnten bei ihm wohnen, während wir uns umsahen und mit der neuen Umgebung vertraut machten. Eine Weile lebten wir im Haus seiner Eltern. Alles war so fremd, so vollkommen anders: die Essgewohnheiten, die Sprache, der allgemeine Umgang! Noch so ein Irrsinn! Wir fuhren umher, suchten Arbeit, stellten uns in sämtlichen Lokalen vor, die Livemusik anboten, und merkten bald, dass wir die Gegend schleunigst wieder verlassen sollten. Eine deutsche Freundin, die wir noch in Albufeira kennengelernt hatten, vermittelte uns ein Apartment in Frankfurt, das wir vorübergehend mieten konnten.

Wir fingen sofort wieder an aufzutreten, diesmal als Duo: im TIK, im Offline, in der Brotfabrik, im Jazzkeller, in der Romanfabrik, in der Alten Oper und so weiter. Wir gründeten „Bandacajá“, eine Band mit Musikern aus ganz Europa, und nahmen unser erstes Album auf. Das Repertoire war ziemlich bunt, alle Beteiligten brachten ihre musikalischen Vorlieben ein. Wir waren sehr erfolgreich, spielten auf unzähligen internationalen Festivals und waren fünf Jahre lang ständig unterwegs.
Irgendwann hatten Rosanna und ich jedoch den Eindruck, dass wir, bei aller stilistischen Offenheit, allmählich unsere musikalische Identität einbüßten. So beschlossen wir, die Band zu verlassen und nach neuen Verbindungen zu suchen. In der großartigen Schlagzeugerin und Perkussionistin Angela Fronteira, die, ebenfalls in 1993, aus São Paulo nach Frankfurt am Main gekommen war, fanden wir die perfekte Ergänzung zu unserer Auffassung von Musik.

(Song: „Oco da Paixão“ / Album: „Coisário“)

Zélia schreibt:

Fern der Heimat erkennt man die eigene Kultur auf eine ganz andere Weise und lernt sie besser zu verstehen. Alles war plötzlich wie neu. Bossa Nova – das war eigentlich etwas für die reiche Elite in Rio, weit entfernt von der damaligen Lebensrealität der meisten Brasilianer*innen. Für uns war es außerdem alte Musik, die ihre besten Zeiten hinter sich hatte. Doch hier in Europa entdeckten wir ganz unvoreingenommen die Schönheit dieses Stils wieder.

Brasilien ist ein riesiges Land. In jedem einzelnen Bundesstaat gibt es mindestens so viele musikalische Mentalitäten wie in jedem einzelnen Land Europas. Wir wollten mit allen Facetten der brasilianischen Musik spielen: mit den afrikanischen und indigenen Einflüssen und mit der Música Popular Brasileira, die stark von den portugiesischen Einwanderern und ihrem Fado geprägt ist. All das, und unsere Erlebnisse und Begegnungen mit den Menschen, die wir unterwegs kennengelernt hatten, wollten wir mit unserer musikalischen Sprache verweben.

(Song: „Mirra“ / Album: „Passagem“)

Sie schreibt:

Es war nie einfach, in Deutschland zu sein. Anfangs hatten wir nur eine Aufenthaltserlaubnis als Sprachstudentinnen. Alle drei Monate mussten wir unser Visum verlängern. Wir bewarben uns an der Universität Frankfurt für den Studiengang Ethnologie und erhielten sofort einen Studienplatz. Einschreiben konnten wir uns jedoch erst, nachdem wir die Sprachprüfung bestanden hatten. Anschließend mussten wir unser Visum nur noch alle sechs Monate und schließlich nur noch einmal im Jahr verlängern.
Die meiste Zeit lebten wir in Wohngemeinschaften mit unseren deutschen Freund*innen, später in einer Dreier-WG mit dem Musiker Ivan Santos, der „Lady Multimelancôlica“, „Baião de Três“ und „Os Amantes da Ponte“ für uns geschrieben hat. Erst nachdem uns die Stadt Frankfurt unter großen Mühen und über die verschlungenen Pfade der deutschen Bürokratie als wertvollen kulturellen Beitrag anerkannt hatte, durften wir unseren Lebensunterhalt in Deutschland als Musikerinnen verdienen.

In 1996 nahmen wir unter unserem eigenen Namen das Album „Passagem“ auf. Es wurde von Peregrina Music veröffentlicht. Wir gingen in Kanada auf Tournee. Wir lernten den Flötisten und Saxofonisten Marcio Tubino und die Cellistin Rosanna Levantal kennen. 1998 beendeten Rosanna und ich unsere intime Beziehung, und ich zog in der Nachbarschaft in eine eigene kleine Wohnung. Es folgte eine Tournee durch Singapur. Wir spielten als Vorgruppe von John McLaughlin und gaben unzählige Konzerte in Deutschland, Österreich, Frankreich und der Schweiz.

1999 nahmen wir unser zweites Album „Coisário“ auf. Wir spielten mit dem Bandoneon-Meister Dino Saluzzi, dem Mundharmonikaspieler Howard Levy und dem Klarinettenvirtuosen Claudio Puntin. Und wir lernten dich kennen, Katharina, über einen gemeinsamen Bekannten und sehr guten Freund, den Journalisten Detlef Kinsler. Du kamst in München zu einem unserer Konzerte. Wir waren ganz überrascht, dass du Portugiesisch sprechen konntest und später warst du ein kleines bisschen enttäuscht darüber, dass wir dich auf unserem Album auf Englisch singen ließen.

(Song: „Lady Multimelancôlica“ / Album: „Coisário“)

Zélia schreibt:

Im Jahr 2000 adoptierte ich einen kleinen brasilianischen Jungen, den ich – abermals unter großem bürokratischem Aufwand – zu mir und meiner Freundin Julia nach Heidelberg holte, wo ich von da an lebte. Rosanna blieb in Frankfurt, in der Nähe ihres Freundes David.

In diesem und dem darauffolgenden Jahr realisierten wir eines der interessantesten Projekte unserer musikalischen Laufbahn: Wir verwoben unsere brasilianischen Einflüsse, unsere Rhythmik und Melodik mit deinen Songs der Rainbirds, und du interpretiertest mit deiner schönen Stimme und einer ganz anderen Intensität unsere Songs.
Du weißt ja, wie das war. Wir machten alles selbst – früher schon und später ebenso: Konzerte buchen, Autos fahren, Equipment schleppen, aufbauen, spielen, abbauen, wieder schleppen, weiterfahren – quer durch Deutschland und weit über die Grenzen hinaus, oft auch weit über unsere Kräfte.

2002 erkrankte Rosanna an Gebärmutterkrebs. Doch wir hörten nicht auf zu spielen und zu reisen. Wir waren die Vorgruppe von George Benson, vom Buena Vista Social Club und von Djavan. Es ging nach Norwegen, Italien und abermals nach Singapur.
Unterdessen unterzog sich Rosanna immer wieder schwersten Chemotherapien und Strahlenbehandlungen, die ihren Körper erheblich schwächten. Wir verwandelten die Hotelzimmer in Krankenlager und verabreichten ihr Infusionen, damit sie ihr Pensum auf der Bühne bewältigen konnte. Sie kam immer erst kurz vor dem Auftritt in den Club; manchmal musste sie von ihrem Freund David getragen werden. Angela Fronteira, die Techniker*innen vor Ort und ich bereiteten alles ohne sie vor.
Rosanna besaß einen unbändigen Lebenswillen, und sobald sie eine Bühne betrat, war ihr nichts mehr anzumerken. Mit Reinheit und Klarheit sang sie, fehlerfrei und ohne je ihre Texte zu vergessen. Ich hingegen patzte ununterbrochen, so aufgewühlt und voller Sorge war ich.

(Song: „Devoção“ / Album: „Águas Iguais“)

Sie schreibt:

Es folgten alternative Heilmethoden und viele Kuren. Rosanna schien sich zu erholen. Wir verbrachten viel Zeit in Brasilien, arbeiteten mit Paulinho Santos von der Kultgruppe Uakti zusammen und nahmen unser Album „Águas Iguais“ auf. Es wurde 2004 von Enja Records veröffentlicht; darauf ist auch das Hamburger Streichquartett G-Strings zu hören.
Wir gingen sogar wieder auf Tournee und traten in Deutschland, der Schweiz, Frankreich und Griechenland auf. Rosanna spielte und sang nur noch im Sitzen, doch ihre Haare wuchsen wieder nach, und sie war glücklich.

Anfang 2006 zeigten sich jedoch dunkle Flecken auf ihrer Lunge. Sie beschloss, sich operieren zu lassen: erst den einen, dann den anderen Lungenflügel. Im April flog sie schließlich nach Brasilien, zurück in ihre Heimatstadt Itaúna, um sich mithilfe einer Gesangstherapie auch seelisch von all den Anstrengungen zu erholen.

Doch ihr Körper war zu entkräftet. Neue Metastasen breiteten sich überall aus, drangen in die Knochen und in die Leber vor. Im August flog ich nach Brasilien, und wir verbrachten drei unglaubliche Wochen miteinander. Voller Zuversicht schrieben wir sogar neue Songs – trotz Rosannas Zustand. Sie lag da, nur noch Haut und Knochen, die Beine unfassbar geschwollen. Es war klar, dass sie sterben würde.

Wir sprachen nicht darüber. Wir sprachen kaum, und wenn, dann nur über unsere Liebesgeschichte und darüber, dass sie immer weitergehen würde. Es gab dieses unausgesprochene Abkommen: Ich sollte zuerst nach Deutschland zurückkehren, bevor sie gehen würde. Und so war es.

Rosanna Tavares starb am 9. Oktober 2006, kurz vor ihrem 44. Geburtstag.

Sie wird zutiefst vermisst.

© Katharina Franck / Zélia Fonseca, 24.03.2007

(Song: „O Jardim e a Fera“ / Album: „Águas Iguais“)

20 Jahre später, am 30. September 2026 um 18 Uhr, stirbt Zélia Fonseca in Heidelberg – ebenfalls an Krebs. Wie krank sie tatsächlich bereits war, habe ich erst sehr spät (im November 2025) erfahren, da Zélia und Julia mich in meinem vermeintlichen Rainbirds-Jubiläumsreunionfreudentaumel nicht mit schlechten Nachrichten belasten wollten. Unterwegs mit dem Auto nach Leipzig, wo ich mit dem Gitarristen Werner Neumann zum Proben für kommende Konzerte verabredet war, bat mich Zélias Frau Julia, sie zurückzurufen, sobald ich nicht mehr am Steuer säße.

Auch Zélia hat sich unzähligen, tagelangen Chemotherapien und Bestrahlungen unterzogen, von denen sie sich anschließend wochenlang erholen musste. Hin und wieder hinterließ sie mir herzliche Kommentare unter irgendwelchen Posts auf Instagram, und am 29. Juli schickte sie mir eine letzte Sprachnachricht auf Portugiesisch:

„Katja, meine Liebe, jetzt nehme ich einfach mal eine Sprachnachricht auf. Weder du noch ich hören gerne ewig lange Nachrichten, deshalb schicke ich dir nur eine kurze – aber mit meiner eigenen Stimme. Auch dir herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. Ich habe sehr schwierige Tage hinter mir und konnte an überhaupt nichts denken. Aber du bist in mir, in meinem Herzen, und das ist das Wichtigste, nicht wahr? Bleib gesund, ja? Ich begleite dich bei deinem Tun dort auf Facebook und Instagram, wo ich mich herumtreibe, um mich ein wenig abzulenken. Ich weiß, du hast sehr viel zu tun. Also: Wenn es mir wieder besser geht, machen wir einen Videoanruf, oder? Ich bin zu Hause. Ich war jetzt sechs Tage im Krankenhaus, aber jetzt bin ich wieder zu Hause. Und bald bringen wir uns gegenseitig auf den neuesten Stand, okay? Einen dicken Kuss! Ciao, ciao, ciao.“

Rosanna und Zélia komponierten, texteten und arrangierten – jede für sich und beide gemeinsam. Rosanna war die Hauptsängerin, Zélia ihre kongeniale zweite Stimme. Sie war eine ganz besondere Gitarristin. Sie hatte ihren eigenen Stil zu zupfen und zu rhythmisieren, harmonische Verschiebungen zu setzen, Harmonien zu legen. Man hört es sich am besten selbst an.

Ihre Musik hat mich fasziniert und berührt, etliche Male habe ich am Bühnenrand gestanden und getanzt. Gemeinsam mit ihnen gelang es mir ganz gut, ihren Einsätzen und Phrasierungen zu folgen; allein war ich verloren. Noch während der Pandemie nahmen Zélia und ich den Song „Passos do Vento“ auf: ich in Berlin mit Clemens Matznick, sie in Heidelberg mit ihrer Frau Julia, die als Soundeditorin und Sounddesignerin fürs Fernsehen arbeitet. Wir wollten unsere Stimmen so zusammenfügen, dass die jeweiligen Gesangspassagen nahtlos ineinander übergingen. Julia versuchte mehrfach, mir zu erklären, warum sie meine Phrasierungen hier und da ein wenig hin- und hergeschoben hatte. Wir haben den Song nur ein einziges Mal gemeinsam live gespielt. Ich glaube, sie waren beide ganz zufrieden mit mir …

Zélia Fonseca hat im Laufe ihres Lebens einige gesundheitlichen Herausforderungen gemeistert und war schon, als ich sie 1999 kennenlernte, nach einem Hörsturz auf einem Ohr taub. Das Beeindruckendste an Zélia aber war, wie sie sich nach dem Tod ihrer langjährigen musikalischen Lebenspartnerin, der klaren, entschlossenen und strahlenden Rosanna, wieder aufrappelte und es wagte, die Leadstimme ihrer Songs zu übernehmen. Sie war eine lustige, freche, intellektuelle Poetin und zuweilen, in Gefühlsdingen, eine etwas chaotische Frau von ganz besonderem Talent. Die Nachricht ihres Todes hat mich zutiefst erschüttert. Aber sie ist in mir, in meinem Herzen, und das ist das Wichtigste, nicht wahr?

© Katharina Franck, 29.10.2026

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