Doch wäre ich jetzt nirgendwo lieber

der Atlantik, 22. März 2020

Hallo, hallo, habe mich länger nicht gemeldet. Es geht ja auch drunter und drüber. Klar, auch meine Konzerte sind abgesagt und wie es um die Mai-Termine steht, ist ungewiss. Ich war hier und dann zurück in Deutschland und nun bin ich wieder da, in Portugal. Nicht zum Spaß, leider, doch wäre ich jetzt nirgendwo lieber. Es ist meine Mutter, die seit fast zwei Jahren ein immer schwererer Pflegefall wird. Sie hat ALS. Eine Amyotrophe Lateralsklerose. Bekommen alte Menschen normalerweise gar nicht. Meine Mutter ist jetzt 85. Mit 80 wirkte sie noch, wie andere mit 60. Die Krankheit bleibt perfide, auch wenn sie andere und jüngere ereilt. Aber für meine Mutter bin ich eben hier. Auch wenn ich gerne bei mir zuhause in meinem eigenen Leben wäre und darüber nachdächte, wie es eventuell nach dem Abebben der Pandemie nicht oder doch für mich weitergeht. Diese Gedanken habe ich mir schon vorher gemacht. Nicht so, wie jetzt, aber oft. Ich bin nicht krank. Ich gehe im Dorf spazieren, es ist ein ehemaliges Fischerdorf. Nur ein wenig aus den Fugen geraten, fast wie eine Medina. In der Ferne sieht man den Atlantik, es ist schön hier. Ich stelle mich in die Schlange vor dem Eingang zum Wochenmarkt, zum Supermarkt, zur Apotheke. Mit mindestens 1,5 Meter Abstand zur nächsten potenziellen Virenschleuder. Ich nehme an einem Pilates-Kurs teil, online natürlich. Ich schreibe. Meiner Mutter lese ich vor. Mit Mundschutz ist das kein Vergnügen.

Zurzeit lese ich ein Buch von Donna Tartt, The Little Friend, auf Englisch. Das Buch ist ein Wälzer, das kann meine Mutter nicht mehr halten. Und ich dachte, ich kann Englisch. Doch die Frau holt so aus, es ist ziemlich ermüdend. Zuhause würde ich jetzt durch den Wald laufen, den Vögeln zuhören, in der Erde wühlen, meine Katzen streicheln, Musik machen. Es ist schön dort. Ich habe Heimweh. Mein Haus wird gehütet, meine Katzen gefüttert. Von Freunden und Bekannten, die sich daran erfreuen, was ich zurzeit vermissen muss. Das macht mich froh. Wäre ich dort, würden mir meine Nachbarn frische Eier und Gemüse vor das Gartentörchen stellen. Vielleicht sogar Kuchen! Ich würde mich für sie in der Stadt in irgendeine Schlange stellen, zum Beispiel in die zum Supermarkt. Übrigens, ich war mal Kassiererin. Der Job ist auch ohne ein grassierendes Virus eine Zumutung. Unsere Nasen immer auf Höhe des Schritts mancher Einkäufer*innen. Das kann hart sein, glaubt mir. Ich hab’s erlebt. Seid bitte nett zueinander. Herzliche Grüße, KF

6 Comments

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  1. Du hast Heimweh nach hier und wir Sehnsucht nach dir. Die wird rudimentär gestillt mit deiner letzten CD. Alles Liebe und Gute für deine Mutter und dich wünschen Laura, Kathrin und Roland, mit Katze.

  2. Lieb Katharina, ich danke Dir für Deine kleine Geschichte, Dein mit uns teilen, wo Du gerade bist und was Dich beschäftigt. Es berührt mich und lässt mich im eisigen Wind in den klaren blauen Himmel schauen und dankbar sein, das ich heute morgen aufstehen konnte, ein
    Feuer anzünden und im Garten graben, das wir, die wir Erde selbst und mit der Erde, ein wenig langsamer unterwegs sind. Ich wünsche Dir ud Deiner Ma ein gutes miteinander teilen, was Euch verbindet, Ich schicke Grüsse von hier aus dem Garten und von der Glut, die nach Meer riecht, weil sie mich erinnert, an die vielen Feuer, an welchen ich sass, im Sand, den Wellen lauschend. Grüss das Meer von mir. Ich schick Dir ein Lächeln und ein Dankeschön! Wie schön, dass es Dich gibt!
    Katja

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