Moon

Vor einigen Tagen bekam ich eine Mail von dem Vater eines zehnjährigen Mädchens. Er schrieb, seine Tochter hätte sich das Album “Call Me Easy, Say I’m Strong, Love Me My Way, It Ain’t Wrong” angehört und nun wolle sie in einem Musikreferat den Song “Moon” vorstellen. Ob ich wohl etwas darüber schreiben könnte. Ich habe mich drangesetzt, den Song in Schleife gehört und folgendes notiert:

Inspirationsquelle war eine Biografie über Edie Sedgewick. Sie war ein Star in Andy Warhols Factory. Ich war immer schon an den eher gebrochenen Persönlichkeiten interessiert, aber ehe ich einen Song darüber schreibe, wie jemand an sich und seiner Umwelt kaputt geht, finde ich für diese Person einen Ausweg aus eigener Kraft. Oder gebe ihr IHR Schicksal wieder in die eigenen Hände.

Es steckt gleichermaßen ein Willkommenheissen und ein Verabschieden in dem Song. Eine Umarmung/ein Halten und beschützen und ein Loslassen/Gehen lassen. Es steckt in dem Lied eine kindliche, aber sehr starke Art, sich selbst zu behaupten und nicht Opfer zu sein/zu bleiben von irgendwelchen Umständen. Es ist auch schlicht ein sehr schwärmerisches Lied an eine Person, die nicht wirklich da ist.

1. Strophe:

Von Edie Sedgwick kommen die Perlen, die die Person in meinem Lied trägt, an ihren Ohren, in den Haaren, die an Wimpern hängen wie Tränen. Die ich aufsammel, um daran zu messen, wie lebendig diese Person in meiner Vorstellung ist, und wie nah bereits ihrem Ende/ihrem Verschwinden. Obwohl mir das Perlensammeln offenbar Freude bereitet, bin ich bereit, diesen Zustandsmesser ihres Wohlbefindens zusammenzupacken und auf den Mond zu schiessen.

Im Refrain dann die Selbstbehauptung: wenn wir uns ein bisschen mehr anstrengen, können wir uns da oben einen anderen Mond malen (ein anderes Leben, mit einem anderen Ausgang), der auf uns herab scheint, in dessen Licht wir baden/ sind.

2. Strophe:

Die Person in meinem Lied zündet offenbar gerne rings um sich herum Duftkerzen an und ich helfe ihr dabei. Sie ist sich der vielen Geister bewußt, die sie beobachten. Und da sie der einzige Geist in meinem Herzen, in meinem Raum (Leben) ist, hängt Tag und Nacht der Duft dieser Kerzen in der Luft.

Aber wenn sie das will, packe ich auch den Duft zusammen und schiesse ihn auf den Mond. Den Mond, den wir uns selber anders malen können, damit wir in einem anderen Licht baden können, damit wir strahlen können wie ein verrückter Diamant (meine kleines Pink Floyd-Textzitat: “shine on you crazy diamond”).

Ich habe selber keine Kinder und und weiß deswegen nicht so genau, wie weit zehnjährige Mädchen im Allgemeinen sind. Mal abgesehen davon, dass es vielleicht weniger die Worte sind, die sie spannend findet, sondern die Energie des Songs, der treibende Rhythmus und die Zärtlichkeit und Kraft im Gesang. Aber ich glaube, dass Kinder oft viel mehr wissen, als man ihnen zutraut, weswegen sie wiederum dem nicht so ganz trauen, was sie längst begriffen haben.

Wenn ich den Song heute höre, achte ich darauf, wie ich ihn gesungen habe: Die sehr zart und liebevoll gesungenen Strophen, die sehr entschlossen gesungenen Refrains. Und, dass es vermutlich nicht leicht sein wird seinen eigenen Weg zu gehen, kann man in der hochgezogenen Bauchstimme hören. Nur das ganz hohe “Moon” ist schließlich in der Kopfstimme gesungen.

Was mir auffällt: die Geschichte spielt sich in einem sehr kleinen Raum ab, in der Vorstellung einer Person mit viel Phantasie. Und diese strebt raus in den ganz großen Raum und ganz weit nach oben, wo sie außerdem selbst bestimmt, wie es dort auszusehen hat. Aber nicht mit dem Impetus “ich will”, oder “ich muss”, sondern “ich kann”.

Es hat mir Spaß gemacht, mich mit dem Song, meiner Erinnerung daran und dem, was mir heute dazu einfällt, zu beschäftigen. Wer also Fragen zu einem Lied aus meinem Repertoire hat, kann mir ein Mail schreiben oder diesen Beitrag kommentieren.

Herzliche Grüße, KF

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