Sea Of Time – Mit Escher und Alice im Raum-Zeit-Kontinuum

#andwhataboutthelyrics – Folge 2

Die Bedeutung dieses Songs halbwegs auf den Punkt zu bringen, ohne dabei aus Versehen das Geheimnis zu lüften, welches ihn für Euch interessant macht, ist hier die große Herausforderung. Ich erinnere mich an die Bilder und woher sie kamen, und dass sie auch heute noch für mich von Bedeutung sind, für das was war, was ist und sein wird. Deswegen nenne ich meinen Text über diesen Track: KF trifft M. C. Escher und Alice hinter den Spiegeln im Raum-Zeit-Kontinuum.

Mit dem ursprünglichen Wiegenlied, auf das ich mich bei „Sea Of Time“ beziehe, habe ich mich als kleines Mädchen selber in den Schlaf gesungen. Es war ein Lied, mit dem ich mich im Dunkeln meiner selbst vergewissern und mit dem ich gleichzeitig eine akustische Verbindung zu den Eltern und der Schwester herstellen konnte, die sich irgendwo jenseits meines Zimmers aufhielten. Durch einen Spalt der angelehnten Zimmertür fällt Licht. Wenn ich aufhöre zu singen, wird die Türe geschlossen. Wie schön, dass aus dem „Wiegenlied“ im Englischen ein „rocking song“ wird und es somit aus dem Kinderzimmer hinaus in die Welt gelangen kann.

„Sea Of Time“ habe ich irgendwann zwischen 1985 und 1987 geschrieben. Ich habe damals das Buch „Gödel Escher Bach“ von Douglas R. Hofstädter gelesen und mich besonders für die Bilder von M.C. Escher interessiert. „Alice im Wunderland“ und „Alice hinter den Spiegeln“ von Lewis Carroll lese ich auch heute immer wieder und Jean Cocteaus „Orpheus“-Verfilmung und auch „Orfeu Negro“ von Marcel Camus habe ich gesehen. An diese Geschichten und Bilder erinnere ich mich, wenn ich mir den Songtext heute vorknöpfe, und sie begegnen mir auch in der musikalischen Umsetzung wieder.

Da geht es über eine Treppe durch einen Bildschirm hinter einen Spiegel die eigene Wirbelsäule hinab durch einen Gang. Während das Kind sich wiegt, geht es weiter. Das ist wichtig. Auf immer neuen Ebenen führt diese „unmögliche“ Treppe hinauf und hinab. Leadstimme und Chor vertreten abwechselnd gegensätzliche Positionen, ob man z.B. seinen eigenen Plan aufstellen und verfolgen darf, selbst wenn er mit den gängigen Anforderungen und Erwartungen nicht kompatibel ist.

Da ist jemand, die versucht, das Zuviel an Eindrücken und Empathie in Schach zu halten, ohne sich abkoppeln zu müssen. Eine, die die Erwartungen an sich selbst und die von anderen aushalten muss. Die Selbst- und Fremdwahrnehmung miteinander versöhnen will. Weil es eben so ist, wie es ist, und irgendwann einmal wird es anders sein. Weil Skizzen, Pläne, Lebensentwürfe ständig Gefahr laufen, von jemandem ungebeten umgeschrieben oder gar gelöscht zu werden.

Zum Schluss lässt sich die Leadstimme leicht erschöpft, aber genüsslich in das Brackwasser gleiten, vor dem sie ständig gewarnt wird. Das Kind konstatiert, dass es völlig okay ist, wenn man es so liebt, wie es ist: nicht selbstvergessen oder ganz bei den anderen. Kein Fahnenträger, aber auch kein Mitläufer. Hier, in ihrem eigenen Raum, und jetzt, in seiner eigenen Zeit.

Herzliche Grüße,

KF

(© KF, 02.04.2017. für Jana Bergk und Cool Hansen)

4 Comments

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  1. Eins der großartigsten Lieder überhaupt – seit der Veröffentlichung begleitet es mich und lässt mich fliegen…danke für viele Jahre Gefühl!! Und JETZT gerade höre ich es und denke: Was macht denn die Katharina Franck gerade so…

  2. Das lief im radio, als ich mir als schüler etwas geld dazuverdiente als fahrradverkäufer in einem kaufhaus. Es machte mich neugierig und so kaufte ich mir das album mit dem unhandlich langen namen. Damals noch LP.
    Wunderschöne instrumentale einleitung/begleitung und … die doppelbedeutung Wiegenlied/Rockmusik habe ich auch mitgekriegt. Schöne perkussionseffekte.
    Bei 2:07 wird es sogar zum kanon bzw. einem gerade richtig verzögerten echo.
    Ein einzigartiger sound ….
    Der mittelteil kulminiert in der zeile „Waking up ain’t easy, no“ und der albumtitel „Call me easy“ kommt dann nach über acht minuten und zieht sich bis zum … ende?
    Nein, nach fast zehn minuten ist das lied noch nicht zuende, es schließt sich (in tonart und tempo genau passend) „Nowhere to go“ an, das lied betrachte ich als bestandteil der gleichen sequenz, auch wenn es auf „The Mercury Years“ nicht mehr vorkommt. Auch hier kommt die zeile „Waking up ain’t easy, no“ wieder vor, und es könnte in dem stil genauso weitergehen ….
    Auch nach vielen jahren kann ich das immer wieder hören und entdecke immer wieder neues, sei es in text, melodie, sound oder stimme. Ja die lieder leben auch davon, von einer so großartigen stimme vorgetragen zu werden.

    • Hallo Tobias, vielen Dank für Deine Erzählung und die Eindrücke. Meine Reaktion kommt etwas spät, verzeihung, freue mich aber über Dein Feedback! „Nowhere To Go“ ist ein eigenständiger Titel, aber Du hast recht, ich zitiere mich selbst. Als es den langen Zwischenteil in „Sea Of Time“ noch nicht gab, haben wir live „Responsible“ eingebaut. Wenn ich mich nicht irre, ist eine solche Version auf der Bonus-DVD zur Jubiläumsausgabe vom Rainbirds-Debutalbum erschienen.

      • Herzlichen dank für die antwort! Leider habe ich es noch auf kein livekonzert geschafft, ist zur zeit auch etwas schwierig; ich hoffe sehr, das wird nochmal was, irgendwann!

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