An einem Ort ohne Koordinaten – A Waltz for Jane

#andwhataboutthelyrics Folge 19

Mit Möwengeräusch und Meeresrauschen beginnt ein Song im 6/8-Takt, den ich Anfang der Neunzigerjahre nach einem Besuch bei dem amerikanischen Komponisten und Schriftsteller Paul Bowles in Tanger, Marokko geschrieben und seiner bereits 1973 verstorbenen Frau Jane gewidmet habe, die ebenfalls Schriftstellerin gewesen war. Oder habe ich den Song geschrieben, nachdem ich alle Bücher von beiden und sämtliche biografischen und autobiografischen Veröffentlichungen gelesen hatte? Jedenfalls bin ich einmal mit Paul Bowles und seinem Fahrer in einem Ford Mustang zur Hauptpost in Tanger gefahren. Das zumindest weiß ich sicher.

Darboukas, flirrende, mit einem Bogen gespielte E-Gitarren, mein berühmt-berüchtigtes Akustikgitarrenspiel und ein selbstbewusster Bass treiben die Musik wie auf den Schwingen jener kräftigen Küstenvögel voran, die den Song akustisch einleiten. Nur ein stoisch gespielter Flügel gibt ihm ein unumstößliches Fundament. Dieses Gedicht ist mit Klängen verfilmt worden, so lebendig geben die Musiker*innen die Atmosphäre eines sehr heißen Tages unter einem sehr großen Himmel wieder. Den Auftakt spielt Lindsay Cooper mit dem Fagott, und sie spielt nicht nur Instrumentalparts, sondern  verstärkt auch die Synthie-Flächen in den Strophen und meine Gesangsstimme im Refrain mit ihrem warmen und tiefen Klang. Im Outro des Liedes improvisiert sie, greift hier und da meine ad-libs auf und lässt das als behäbig verschriene Instrument flackern und strahlen.

Der Text beschreibt auf schlichte und minimalistische Weise ein Haus mit Garten, eine Familie, die darin lebt. Und ich bin da, doch ich gehöre nicht dazu. Man kann von dem Berg, auf dem das Haus steht, über eine unbefestigte Straße hinab ins Tal gehen, wo Pferde frei herumlaufen. Man kann auch mit dem Fahrer in einem Ford Mustang ans Meer fahren.
Da es sehr heiß auf dem Balkon ist, auf dem ich stehe und mich so einsam wie möglich fühle, beschließe ich zum Markt runterzulaufen, einerseits ein schattiger, andererseits ein düsterer, zwielichtiger Ort. Letzteres aber ist nicht der tatsächliche Markt, sondern nur ein metaphysischer.

Wer schon einmal durch einen dieser labyrinthisch angelegten Souks in Marokko gegangen ist, hat sich vielleicht auch schon einmal darüber gefreut, dass die großen Gefühle, die einen an einem solchen Ort ohne Koordinaten, einer Art Zwischenwelt, überwältigen können, im spärlichen Licht nicht für jeden sichtbar sind. Nicht jeder in Erfüllung gegangene Traum und auch nicht jedes halbwegs überwundene Trauma muss en detail beschrieben werden.

There’s a big house on the Mountain
And a garden with a tree
There’s a husband and some children
But they don’t belong to me
There’s a dirtroad to the valley
Where the horses can run free
And a Mustang and a driver
Who can take us to the sea

There’s a big heat on my balcony
And I feel lonely as can be
So I walk down to the market
Shady place
Through a crack upon the ceiling
We have just a scanty light
So it won’t be too revealing
When I dance my waltz for Jane
A waltz for Jane
My waltz for Jane

There’s a big sun
In a big sky
‚Pon a big dream
When it comes true
This town will never look the same
In a big sky
‚Pon a big dream
When it comes true
This town will never look the same

There’s a big light in the sky
And I know why it shines on me
‚Cause my next step is forever
And my next turn sets me free
A waltz for Jane
My waltz for Jane

©Katharina Franck_20.01.2023_#andwhataboutthelyrics19
über A Waltz for Jane vom Album „In a Different Light“, 1993

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