Diesen Text habe ich für einen Song von FM Einheit geschrieben. Es ging ganz schnell in der konzentrierten Arbeitsathmosphäre seines Hauses in Bayern. FM kocht jeden Tag ausgeklügelte köstliche Gerichte und seine Frau, die Kostüm- und Bühnenbildnerin Stephanie Geiger, richtet die Speisen an wie kleine Gemälde. Caldeira, das ist Portugiesisch für Kessel. Der eines Vulkans, aber auch der, in dem gekocht wird. Über offenem Feuer. Ich habe nicht nur die Geräusche, Gegenstände und Töne des Hauses in den Text einfließen lassen, die sowieso zu hören und zu sehen waren, sondern auch andere, die davor da waren und welche, die noch kommen.

Caldeira – mein Mund

Wenn ich ein Mädchen bin
Das Kleider trägt
Trage ich nur welche aus japanischem Papier
Ich bewege mich darin wie ein Insekt
In einer Kammer aus Luft
Einer Schatulle aus Klang
Im Licht und Schatten der Jahreszeiten
Bei Ebbe und Flut

Und meine Worte sind Wasserringe
In allen Farben des Wassers
Aus Wasserfarben
Da stehen die Näpfe aus Porzellan
Dort liegen die Pinsel
Nach Größen geordnet
Feine
Breite
Gefächerte und borstige
Von Mäusen zerkaute Bambusspitzen
Und ein Quast aus silbergrauem Pferdehaar
Die Tunke aus Tinte
Und zerriebenen Kieseln
Von allen Wegen die ich gegangen bin
Hinterlassen kaum erkennbare Spuren
Auf dem hauchdünnen Blatt
Nimm doch eine Lupe
Und schau genau hin
Schau hin

Doch außer uns
Gibt es keine Betrachter
Auch wenn keiner hinschaut
Sind wir doch da
Sind ohne Wertung
Sind hier ohne alles
Ganz ohne Ohne
Im Sein
Unverhohlen
Bewegt sich da etwas
Jenseits des Blickes
Legt etwas ab
Oder kommt etwas an
Haben wir nichts
Und auch keine Angst

Gesang:
Im Traum siehst du alles
Die Mitte des Mondes
Kerben und Schluchten
Ich weiß wie es ist
Die kleine Erhebung
Risse und Riffe
Du weißt wie es aufhört
Caldeira – mein Mund

Doch außer uns
Gibt es keine Betrachter
Auch wenn keiner hinschaut
Wir sind doch da!
Sind ohne Wertung
Sind hier ohne alles
Ganz ohne Ohne
Im Sein
Unverhohlen
Bewegt sich da etwas
Jenseits des Blickes
Legt etwas ab
Oder kommt etwas an
Haben wir nichts
Und auch keine Angst

© 10.07.2018 Katharina Franck

Mein Vater konnte im Gespräch prima abschalten. Es gab zum Beispiel eine kurze Liste mit Fragen zu meinem Berufsleben, die meistens beim Essen abgehakt wurden. Er stellte die erste Frage, kurz bevor er sich einen Bissen in den Mund schob, und während ich sprach und er kaute, rieb er sich die Hände und schaute mit leicht verschwommenen Blick umher. Wenn vor dem nächsten Bissen keine neue Frage kam, redete ich weiter. Continue reading

Im Prinzip wäre dies ein Text für meine Reihe #andwhataboutthelyrics. Aber da der Song dazu noch nicht veröffentlicht ist, konnte bisher noch niemand danach fragen. Nun möchte ich Euch schon ein wenig neugierig machen, auf das Album, das ich Anfang September 2018 über meinen Shop und digital veröffentlichen werde. Hier ist also der Text über einen Text, den ich bisher nur live gesungen habe:

Ein Bild von mir das älter ist als ich – Tiefenschärfe (für Vivian Maier)

Ich weiß nicht, wann das los ging mit den Selfies. Meines Wissens war Vivian Maier die Erfinderin des Genres. Ich habe 1988 die ersten Fotos mit Selbstauslöser von mir gemacht. Ich bin irgendwo in den österreichischen Bergen auf Diät. Sitze in einem ausgetrockneten Flussbett auf Geröll, werfe einen Stein. Es sieht dynamisch aus, bleibt aber trotz der großen Brennweite ohne Bedeutung. Auf einem anderen Bild kauere ich im Dämmerlicht einer Dachkammer auf dem Rand einer Matratze. Continue reading

(noch ein Lied für Jane Bowles)

Es gibt einen weiteren Weg
Siege, die ich errungen habe
Ein zweites Herz
Einen stillen Weg aus Träumen über laute Plätze
Entlang tiefer Schluchten
Über Brücken
Die ich baue
Mit einem einzigen, stimmigen Satz
Baumele ich
Diebin
Die ich bin
Kopfüber von der Balustrade
Kopfüber aus der Welt
Mit einem zweiten wandele ich unter hängenden Gärten
Nasche von Früchten
Kaue Pilze
Esse vom Baum des Lebens und der Erkenntnis
Lösche meinen Durst mit Morgentau
Mit einem dritten überspringe ich Zeiten
Vierundzwanzig Stunden am helllichten Tag
Überwinde ich Weiten
Wüsten
Ohne Wasser
Ohne Kompass
Ohne Brot
Nichts
Außer Worten…, nein
Warten!
Ich meinte: Warten
Mit einem vierten verkündige ich
Das Ende vom Lied
Das Ende vom Lied
Ohne neuen Anfang
No Da capo
Ich mache Schluß

(sie singt:)
Don`t mess with my angel
With my broken wings
For my broken heart
It sings
It sings
I am free
In my cage
Let me be

Und stehe halb versteckt im Schatten der Markise auf dem Markt
Halb verstrahle ich mein eigenes Licht in dunklen Gassen
Halb Fliegengewicht bin ich
Halb Monster
Und ich
Diebin
Die ich bin
Bin da draußen
Jenseits von allem was jemals gewesen
Heiß ist es gewesen
Und trocken
Und dann wieder kalt und feucht
Und klar und verschwommen
War alles da
Wo jetzt nichts ist
Ich nicht die bin
Diebin
Dich ich war
Herzbubedamekönigass
Und ich werde nichts mehr sein

Am frühen Morgen sehe ich die Schiffe ablegen
Am Nachmittag steigen Drachen auf
Am Abend spielen junge Hunde am Strand mit den zurückweichenden Wellen
Nachts ertrinken Liebespaare in der Flut
Und ich
Diebin
Die ich bin
Sehe alles von außen
Außerhalb
Halb Ohrtaub und Staub auf den Lidern
Halb Mundstumm und Spinnweben
In jedem meiner Winkel
Klimmzüge
Hinweg über die Balustrade
Hinaus aus der Welt
Dort bin ich
Diebin
Die ich bin
Ganz da
Hinter Glas
Ganz da
Höre nichts
Ganz da
Kein Lachen
Ganz da
Kein Rufen
Keine erstickten Schreie
Es singt kein Mensch
Es heult kein Tier
Es ist das Ende vom Lied
Das Ende vom Lied
Weil ich es so will

(sie singt:)
Don`t mess with my angel
With my broken wings
For my broken heart
It sings
It sings
I am free
In my cage
Let me be

Es gibt einen weiteren Weg
Siege, die ich errungen habe
Ein zweites Herz
Einen stillen Weg aus Träumen über laute Plätze
Entlang tiefer Schluchten
Über Brücken
Die ich baue
Mit einem einzigen, stimmigen Satz
Baumele ich
Diebin
Die ich bin
Kopfüber von der Balustrade
Kopfüber aus der Welt

© Katharina Franck, 20.8.2004