Der Plan

Wieder ein Fundstück, diesmal ohne Datum. Eine Geschichte für die Zeit zwischen den Jahren.

Die Garagen mit ihren rostrot, graublau und blassgrün gestrichenen Toren stehen eine neben der anderen, entlang der Bahngleise, am Stadtrand von Schönfeld. Es ist Winter. Über allen Farben liegt ein Schleier aus schmutzigem Pulverschnee. Wie mit Ruß versetzter Zuckerguss klebt er auf den Dächern und Gauben der tristen Wohnblöcke und Funzeln werfen mattgelbes Licht auf die Schwellen der schmalen Eingänge. In den Wohnungen schnüren Menschen würfelförmige Pakete. 30 cm Durchmesser dürfen sie haben und circa 15 kg schwer sein. Höchstens. Das sind die Bestimmungen, und die sind bindend. Wir alle haben den Vertrag unterschrieben, um in dieser sogenannten Komfortzone des Landes einen Lebensraum nutzen zu dürfen. Die Pakete müssen am Ende eines Jahres in die Garage getragen werden, die zu der Häuserzeile gehört, in der man untergebracht ist, und sie werden vom Zeilenwart gewissenhaft verwaltet. Sie werden gemessen, gewogen und argwöhnisch beäugt. Abfall und Träume haben darin zu sein, die Leidenschaften eines Jahres. Nichts anderes.

Unsere Frau Jäger ist nicht so streng. Wir sind die Bewohner des Künstlerhauses und genießen daher eine gewisse Narrenfreiheit.  Während wir bemüht sind, allen Erwartungen zu entsprechen, gestattet man uns innerhalb der Norm zahllose Möglichkeiten unseren Individualismus zu hegen.  Karin hat große, flunderplatte Träume. Sie bettet ihren ersten auf eine Lage Abfall und klappt ihn an den Rändern um. Dann gleicht sie die Höhenunterschiede mit einer weiteren Schicht Abfall aus und legt auf diese so nivellierte Unterlage ihren zweiten Traum. Auch dieser ist wieder uferlos, muss gefaltet werden und so weiter. Zu guter Letzt umwickelt sie den Stapel Träume mit einem selbst gestrickten Schal aus zerfledderten Putzlappen. Fred, ihr Nachbar, legt zwischen seinen Abfall und seinem Traum immer eine Blume, ein Stück Obst oder ein Häufchen Getreide. Das ist nicht verboten. Hungrige Träume dürfen gefüttert werden. Das ganze Jahr über hat er Collagen aus Zeitungsberichten über Kommunikation und Mobilität zusammengestellt, aus denen er allen im Haus die Zukunft liest. Allerdings sind die Zeitungen von vorgestern, die Zukunft darin bereits Gegenwart, und nachdem wir ein Aha oder Jaja von uns gegeben haben, wickelt er sein Bündel in die collagierten Bögen und zurrt es mit einem Hanfseil oder mit Draht zusammen. Biffy hat feuchte Träume. Literweise. Aber das beeindruckt hier niemanden. Er verbringt das Jahr damit, ein geeignetes Behältnis für sie zu basteln. Es war schon einmal ein gesprungener Glasbaustein, den er mit Silikon verschlossen hat. Ein anderes Mal glich es dem Modell einer Gummizelle. Seine Träume füllt er unterdessen in einem Fass ab, das im Keller steht.

In unserem Haus wohnt auch Delia, der es erlaubt ist, keiner weiß warum, die Formate durch immer frechere Variationen zu revolutionieren und jedes Jahr einen neuen Standard zu setzen. Es wird gemunkelt, sie sei ein Protegée des obersten Leidenschaftlers unserer Region. Doch weitere Privilegien scheint sie nicht zu genießen. Dieses Mal hat sie ihre Träume in gleich große Stücke geteilt. Verschnitt wurde kurzerhand zu Staub zerfriemelt. Dem „Zurück zur Natur – Trend“ des scheidenden Jahres, sollte nun ein mathematischer Formalismus folgen, praktisch, quadratisch, unsentimental. Sie bringt ihre Traumvierecke, die ungefähr die Größe von Bildkarten eines Memory – Spiels haben, durch Kreuzungen ergo-, atro- und bitronomischer Formeln in völlig neue Zusammenhänge und legt diese auf ihre bereits in Plexiglas gegossenen Abfallteppichen an. Schicht um Schicht. „Diesmal bin ich unserer Zeit wirklich voraus“, sagt sie, als wir uns wie zufällig im Treppenhaus treffen. „Ich weiß heute schon, was ich in einem Jahr anstellen werde. Ich werde von meinen Träumen feinste Fäden ziehen, so lange, bis nur noch Fäden übrig sind. Diese lasse ich zu Garn spinnen und webe mir daraus den Stoff für ein schönes Kleid. Aus dem Abfall forme ich einen Körper nach meinen Maßen. Dieser Puppe ziehe ich dann das Kleid an und stelle sie Silvester so ans Fenster, als wäre sie gerade dabei, künstliche Eisblumen auf die Scheiben zu malen, damit Frau Jäger sich erst einmal nicht wundert, wo ich mit meinem Bündel bleibe. Inzwischen hau ich ab. Wahrscheinlich komme ich bis Wittenberg, bevor hier jemand etwas merkt. Aber ich habe ja noch ein Jahr Zeit, um auch mein Weiterkommen von dort zu planen.“ Das sagt sie, und klopft dreimal hart auf das hölzerne Treppengeländer. Ich grinse, oder sagen wir mal, blecke die Zähne, denn Zufälle gibt es hier nicht. „Warum erzählst du mir das alles? Wieso sollte ich Dich nicht verpfeifen?“ Delia guckt zu Boden, scheint zu erröten, tänzelt dann in einem kleinen Bogen um mich herum in Richtung Haustür. „Ich weiß, dass Du schon zum dritten Mal geborgte Träume bündelst und in die Garage trägst, Wilko, Du bist völlig ausgebrannt. Die Leidenschaftler halten Dich schon für so gut wie tot.“ Sie steht zum Gehen gewandt auf dem Absatz und hält die Klinke in der Hand. „Ich aber nicht“, sagt sie, und schaut ins Dunkel, dorthin, wo der Bahndamm sein müsste, der einzige Weg hinaus aus dem ganzen Dilemma. „Willst Du nicht mitkommen, nächstes Jahr?“ Jetzt blicke wiederum ich verlegen auf das kleine Päckchen Traumreste in einem alten, graugelben Kopfkissenbezug, die ich mir von Karin und Fred und einigen anderen Vielträumern unserer Wohnzeile geliehen hatte. Zusammen mit etwas Abfall aus früheren Traumphasen und dem alten Postleitzahlenbuch aus den Neunziger Jahren, das ich kurz nach meinem Einzug in die mir zugewiesen Wohnung hinter einer halb zugespachtelten Ofenklappe gefunden hatte, war mit Ach und Krach die geforderte Menge Leidenschaft zusammengekommen. Delia hatte ich noch nie um Träume gebeten. Selbst ihr Abfall schien mir viel zu schön für meine leeren Hüllen. „Sehr gerne“, presse ich nach einer Weile ganz leise unter einem dicken Kloß im Hals hervor. „Ich glaube, ich werde im neuen Jahr wieder für Zwei träumen, bei so guten Aussichten“, füge ich mutig hinzu. Der Schnee knirscht unter unseren dicken Socken, während wir hinüber zu den Garagen gehen. Ja, wir dürfen keine Schuhe tragen. Das ist der Preis für unsere relative Freiheit. „Ich werde versuchen, meine Träume im neuen Jahr so zu konditionieren, dass ich uns Schuhe für die Flucht machen kann.“ „Fluchtschuhe träumen“, murmele ich leise. „In Traumschuhen fliehen.“ Delia lächelt mich an, nur mit den Augen, weil wir die Zeilenwärterin schon sehen können und sie uns. „Mein neues Mantra“, flüstere ich.

Frau Jäger leuchtet uns mit einer Stablampe direkt ins Gesicht. Sie ist schlechter Dinge und zischelt: „Na, Wilko, was willst Du mir denn dieses Mal unterjubeln? Pornographische Gedichte? Klabunds Gesammelte Werke? Die Reisen des Arthur Rimbaud? Wo hast Du nur all diese Druckerzeugnisse versteckt, die Du mir Jahr für Jahr als Abfall und Träume andrehst, dass sie vom Bereitschaftsdienst der Leidenschaftler nicht gefunden werden können? Oder sind die Jungs bei ihren Stichproben nicht leidenschaftlich genug, hä?“ Doch sie nimmt das Bündel, wiegt es, schiebt es durch die ausgestanzte Öffnung im eisernen Vorhang, und wir hören, wie es mit Schwung über ratternde Förderrollen zu meinem Regalabschnitt transportiert wird. Eine aufsteigende Tonfolge bestätigt den ordnungsgemäß abgeschlossenen Einlagerungsvorgang meiner Überbleibsel. Wir atmen auf.

Frau Jäger bedeutet mir mit harscher Handbewegung die Garage zu verlassen, während sie ihren Vorgesetzten anruft: „Delia von Trippen hat ihr Bündel gebracht, Herr Zeilenoberhauptwart Ziegler, bitte kommen Sie zur Neuevaluierung der Formate. Diesmal ist es das Gewicht.“ Während ich so langsam wie möglich zurück zum Wohnhaus schlendere, kann ich Frau Jäger giffeln hören: „Damit tun Sie besonders Wilko keinen Gefallen, Delia. Das wird seine verborgene Bibliothek nächstes Jahr aber ganz schön schrumpfen lassen.“ Ein schier endloser Kanon aus röchelndem Raucherlachen und einem hellen Zwitschern schallt zu mir herüber. Ich stoße die Haustüre auf und bleibe im Flur stehen. Das Licht erlischt mit einem lauten Klacken. Ich lehne meinen Kopf an die Briefkästen im stockdunklen Treppenhaus, meine heiße Stirn zu kühlen und meine tobenden Gedanken zu beruhigen. Gehört sie doch zu den Leidenschaftlern? Bin ich ihr auf den Leim gegangen, dem miesen, kleinen Lockvogel?  Ich fasse es nicht! Fred, Karin, Biffy…, alle haben mich vor ihr gewarnt. Was bin ich nur für ein Idiot! Ich höre die Schritte im Schnee. Ich höre den Windstopper aus Gummi über die feuchten Fliesen schleifen, sehe ihre dunkle Gestalt im Aufgang stehen. Ihre Stimme fragt „Wilko?“, doch sie macht das Licht nicht an. Wendet sich im Stand zu mir, wartet ab und atmet leise. Ich spüre ihren Körper auf mich zukommen, höre drei schnelle Schritte, wusch-wusch-wusch, wie über eine Reibefläche angerissene Streichhölzer. Eine Handbreit entfernt bleibt sie hinter mir stehen. Ich könnte mich jetzt blitzschnell umdrehen und sie mit zwei Handkantenschlägen niederstrecken. Ihr sagen, dass sie mit draufgeht, wenn sie mich hochgehen lässt. Ihr zeigen, dass ich kein Weichei bin. Aber ich bleibe regungslos und nehme ihre Wärme gierig in mich auf, wie ein kleines, verwahrlostes Heimkind. „Hast Du einen Plan?“, fragt sie streng. Mit „Nein!“ gibt sie uns selbst die Antwort. „Ich habe einen, und du kennst ihn. Ich vertraue dir, also vertraue du mir auch.”

© Katharina Franck (Fundstück ohne Datum, bearbeitet im November 2021. Urheberrechtlich geschützt.)

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