Ich schließe die Augen

In der aktuellen Ausgabe der Fabrikzeitung zu Ehren von Diane di Prima, eine der geschätztesten Dichterinnen der Beat Generation, ist mein Gedicht “Am Ende Glücklich” erschienen. “Ich schließe die Augen” hatte ich ebenfalls eingereicht. Sie gehören zusammen:

Revolutionen, die ich gesehen habe
Eine
Verpasst? –
Vielleicht meine
Losgetreten, eine kleine
Rotgefärbte kurze Haare, Rollkragenpullover, schwarz
Schnürstiefel mit freigelegten Stahlkappenspitzen
Blitzen in der Sonne wie platinum grillz
Geben mir Halt auf dem Boden der Tatsache
Dass ich noch nicht dran bin
Girls noch nicht dran sind
Nur auf dem Galion, doch
Das Stadion wippt im Takt
Die Rennbahn geht in die Kurve
Im Gegenlicht der untergehenden Sonne fangen
Hunderttausend Köpfe Feuer
Statt Lava speien sie Herzen
Ganz analog in den sozialen Raum
Die erste Reihe wird blass, kippt um
Die zweite Reihe geht mit, shit!
Die dritte hält dagegen
Senkt und hebt sich
Wellen wogen, wuchten Dellen in die Masse
Wo die Summe aller Energien
Auf der Bühne und davor
Nicht gleich ist
Schon aus Prinzip
Ich öffne die Augen, sehe das Ende vom Lied
Mache die Faust in der Tasche und lache
Und singe und singe und stehe und singe
Soweit mich die Stiefel noch tragen
Die Schnürsenkel sind aus Draht
Sind dreimal verwickelte Perlenstränge
Aus Silber und Kordel und Glas
Halten zusammen was zu mir gehört
Wenn ich die Augen schließe
Und das Lied summe
Vom Riss in der Schutzschicht
Von dem was im Weg steht
Und den Tieren, die mich gefangen halten
Im großen, alten Garten
Hinter dem großen, alten Haus
Bewege ich mich vor und zurück
Wie zweischneidiges Schilf
Gebogenes, tief verwurzeltes Gras im Wind
Wie tief, frage ich mich und
Schaue nicht hin
Dass ich mich nicht in Luft auflöse
Auch nicht, was ich glaube
Selbst gesehen, erlebt oder gar losgetreten zu haben
Wenn es sich jetzt oft so anfühlt wie, weißt Du?
Wenn Mutter stirbt, sterbe ich
Oder lebe ein anderes Leben
Das ich jetzt noch nicht kenne
Sage ich in fremden Sprachen
Nur zu Dir
Und schließe die Augen

©Katharina Franck, im Juni/Juli 2021 #inarbeit (alle Rechte vorbehalten)

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