Das Zimmer im Zwielicht der gelben Laterne und unter dem Pflaster die Adern der Stadt

Mein Vater konnte im Gespräch prima abschalten. Es gab zum Beispiel eine kurze Liste mit Fragen zu meinem Berufsleben, die meistens beim Essen abgehakt wurden. Er stellte die erste Frage, kurz bevor er sich einen Bissen in den Mund schob, und während ich sprach und er kaute, rieb er sich die Hände und schaute mit leicht verschwommenen Blick umher. Wenn vor dem nächsten Bissen keine neue Frage kam, redete ich weiter. So stellten sich mir währenddessen immer neue Fragen zu dem Thema, das er angeschnitten hatte wie das Schnitzel auf seinem Teller, und ich stellte in Frage, was ich mir antwortete. Es führte regelmäßig dazu, dass mein Vater, händereibend umherschauend, schon bald die letzte Frage stellte: „Verzeihst Du mir, Herzchen, wenn ich das nicht verstehe?“ Natürlich verzieh ich, denn ich war ja davon überzeugt, dass ich das alles nicht richtig erklärte.

Einmal jedoch verzieh ich ihm nicht und beschwerte mich, dass er herumgeschaut und nicht zugehört hätte. Er habe sehr wohl zugehört, könne aber diese merkwürdigen Arbeitsabläufe meines Berufes nicht nachvollziehen. Er behauptete auch, dass er alles sehen könne, ohne hinzuschauen. Die Fähigkeit, mit größter Diskretion zu sehen, was vor sich ginge, egal ob offen zur Schau getragen, oder im Verborgenen, Seelenzustände, zum Beispiel, Sorgen, Nöte, Sehnsüchte, sei bei ihm sehr stark ausgeprägt. Auch bei Fremden. Er sähe sogar durch Wände. „Bei diesem Thema gibt’s nichts zu sehen“, erwiderte ich, „es sind nur Daten, Zahlen, Online-Portale.“  „Aber Dein Herz liegt Dir auf der Zunge, mein Kind, Deine Stimme ist nicht fest. Ich höre, dass Du müde bist, oder zumindest hin und hergerissen, ob das alles so weitergehen soll.“

Und jetzt kommt’s: ich habe diese Fähigkeiten meines Vaters natürlich geerbt, oder übernommen, oder beigebracht bekommen. Wie man’s nimmt. Mir ist außerdem noch die Fähigkeit gegeben, mit dem was ich höre, ohne hinzuschauen, und sehe, ohne hinzuhören, ganz vorsichtig umzugehen. Wenn die Türe einen Spalt offensteht, bleibe ich stehen und klopfe an. Wenn niemand antwortet, gehe ich nicht rein. Wenn ich aber reingehe, weil jemand geantwortet hat, bleibe ich auf der Schwelle noch einmal stehen. Wenn ich eintrete, trete ich nicht rein. Wenn ich den Nagel auf den Kopf treffe, tut es nicht weh. Und die meisten kriegen es ja auch gar nicht mit, wenn mir ihre Sorgen, Nöte, Sehnsüchte kleine Gedichte in die Haut ritzen, und ich mich mit der Abschrift in ihre Geschichten hineinschreibe. In guter Absicht. Zimmer mit Ausblick. Immer mit Ausweg.

Zuletzt habe ich es übertrieben mit der Vorsicht und der Nachsicht.
Nun ist plötzlich nicht nur das Zimmer leer,
sondern auch ich.

Das Fenster steht offen
Das Bett ist ein Sofa
Die Haut steht in Flammen
Der Wind ist ein Hauch
Das Zimmer im Zwielicht
Der gelben Laterne
Und unter dem Pflaster
Die Adern der Stadt
Madrid oder Mailand
Berlin oder Gera
Paris war das Zauberwort
Du hörst ein Gewitter
Aus sehr weiter Ferne
Ich kann kein Französisch
Und nur dieses spanische Wort
Love

New York loves me
New York loves me
New York loves me now

Das Laken ist spröde
Der Tisch ist ein Koffer
Die Stille wiegt Tonnen
Die Farben sind matt
Die Wäsche trocknet
An der Affenschaukel
Und hinter dem Vorhang
Ein Holzverschlag
Madrid oder Mailand
Berlin oder Gera
Paris war das Zauberwort
Mein Atem wird unruhig
Und sattelt die Pferde
Ich kann kein Französisch
Und nur dieses spanische Wort
Love

New York loves me
New York loves me
New York loves me now

©Katharina Franck. Alle Rechte vorbehalten!

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