Ein Bild von mir das älter ist als ich

Im Prinzip wäre dies ein Text für meine Reihe #andwhataboutthelyrics. Aber da der Song dazu noch nicht veröffentlicht ist, konnte bisher noch niemand danach fragen. Nun möchte ich Euch schon ein wenig neugierig machen, auf das Album, das ich Anfang September 2018 über meinen Shop und digital veröffentlichen werde. Hier ist also der Text über einen Text, den ich bisher nur live gesungen habe:

Ein Bild von mir das älter ist als ich – Tiefenschärfe (für Vivian Maier)

Ich weiß nicht, wann das los ging mit den Selfies. Meines Wissens war Vivian Maier die Erfinderin des Genres. Ich habe 1988 die ersten Fotos mit Selbstauslöser von mir gemacht. Ich bin irgendwo in den österreichischen Bergen auf Diät. Sitze in einem ausgetrockneten Flussbett auf Geröll, werfe einen Stein. Es sieht dynamisch aus, bleibt aber trotz der großen Brennweite ohne Bedeutung. Auf einem anderen Bild kauere ich im Dämmerlicht einer Dachkammer auf dem Rand einer Matratze. Das grob gekörnte Foto ist leicht verwackelt und fragmentiert, als ob die Kamera hinter einer dieser alten, handgegossenen Fensterscheiben aufgestellt war, in deren herstellungsbedingten Luftbläschen winzige Auszüge des ganzen Bildes eingeschlossen zu sein scheinen. Ich trage ein gestreiftes Matrosenshirt mit langen Ärmeln, die Haare sind zerzaust, die Beine sind nackt. Weil dieses Bild von mir älter als ich sein könnte, liebe ich es auch heute noch sehr. Es ist als ob es eine Geschichte spiegelt, die lange vor meiner Zeit in dem Raum, in den ich hineingeboren wurde, stattgefunden hat und die mir wie eine Decke um die Schultern gelegt ist. Eine Szenerie, die sich durch das Wechseln der Beleuchtung nicht ändern lässt. Eine Stimmung, in der ich mich so lange verlieren kann, wie ich über den Auslöser nicht hinauswachse, den Raum nicht verlasse, aus dem Schatten nicht trete, den du auf mich geworfen hast. Egal wie man es nennt, was ich gesucht habe. Vertrautheit. Vertrauen. Trau dich, ich halt dich. Was ich nicht kenne, kann ich kaum vermissen. Aber für einen kurzen Moment war ich es leid, dass ich mich nur auf mich verlassen konnte. Und das hat schon gereicht. Mein Riss in der Schutzschicht, dein Sprung in der Schüssel. Ich weiß, dass ich lange bevor du mir ein Bein gestellt hast, schon gestolpert war. Doch ich lag noch nicht, liege immer noch nicht, und die Entscheidung mich zu schubsen, hattest du getroffen. Ohne Not. Es spielt keine Rolle, wie du, wie andere, wie irgendwer das bewertet. Auch wann es vorbei ist, bestimme ich allein. Das bin schließlich ich in diesem Bild, und ich falle in Zeitlupe. Denn ich kann mich nicht damit abfinden, dass nur der Blick darauf von Dauer ist, der Blick da raus aber immer verschwimmt.

Tiefenschärfe

Durch Straßen gehen und sehen
Die Seiten sind verkehrt
Doch du beachtest nur das Licht
Die Blicke bleiben stehen
Sie erkennen nur sich selbst
In ihrer Welt
Und wie es früher einmal war

Es geht kein Weg zurück ins Wohlgefallen
Die eigene Stimme klingt nicht immer schön
Wenn Worte nach Jahrzehnten widerhallen
Flackern alte Bilder auf

Die Schatten werden länger
Das Auge sucht die Weite
Denn das Gute kommt zu nah
Die Blicke werden enger
Sie fürchten den Moment
Der sie entstellt
Und ihre Leere offenbart

Es geht kein Weg zurück ins Wohlgefallen
Die eigene Stimme klingt nicht immer schön
Wenn Worte nach Jahrzehnten widerhallen
Flackern alte Bilder auf

An der Biegung
Keine Beugung
Keine Demut
Kein Pardon
Alle Farben
Alle Normen
Viel Verlangen
Noch mehr Zorn
Kurze Blende
Tiefe Schärfe
An den Rändern
Bricht das Licht
Von dem Abzug
Nur ein Auszug
Deine Linien
Stürzen nicht
Deine Linien stürzen nicht

Die Bilder liegen an
Die Töne sind gesetzt
Doch wir begnügen uns nicht mit einer Kopie
Es geht kein Weg zurück ins Wohlgefallen
Die eigene Stimme klingt nicht immer schön
Wenn Worte nach Jahrzehnten widerhallen
Flackern alte Bilder auf
Im Weitergehen

© Katharina Franck, 03.01.2018. Alle Rechte liegen bei der Verfasserin.

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