#andwhataboutthelyrics – Folge 8

„Melancholisch und sehr, sehr wütend“, oder doch eher ein “superfröhliches Lied mit der ganzen Kraft eines Neubeginns?“ Damals, wie heute gilt für meinen musikalischen Ausdruck fast immer beides. Und alles was davor, danach und dazwischen möglich ist.

Bei „Sacred“ fällt es mir schwer, den Zeitpunkt der Entstehung mit irgendeinem klaren Lebensgefühl von mir zu verbinden. Oder besser gesagt, mit einer Erinnerung daran. Continue reading

#andwhataboutthelyrics – Folge 7

Der Song, der 1991 auf dem Album RainbirdsTwo Faces veröffentlicht wurde, ist ein gutes Beispiel dafür, wie eine Komposition zu einem Text inspirieren kann, der nicht unbedingt die autobiografischen Züge der Autorin trägt, oder etwas soeben Erlebtes verarbeitet. Und wie dieser, dann gesungene Text, das Arrangement des Songs beeinflusst.

Coverfoto ©Anton Corbijn

Die musikalische Vorlage von Ulrike Haage zu „Big Fat Cat“ entstand in 1989, als sie mit FM Einheit, Alfred 23 Harth und dem Sänger Phil Minton in der Formation Vladimir Estragon unterwegs war und die Rainbirds auf Tournee als Keyboarderin unterstütze. Damals haben wir uns kennengelernt, und als wir begonnen hatten, im Duo zusammenzuarbeiten, habe ich mir den Song vorgeknöpft. Mir überlegt, wie und was ich dazu singen könnte.

Ein Junge stellt nach dem Tod des Vaters fest, dass die Mutter nicht nur die gütige Person ist, die sich um ihn kümmert, immer für ihn da ist und sich von dem Vater und ihm alles gefallen lässt. Ihr facettenreiches Wesen ist ihm unheimlich. Ein neuer, verwirrender Geruch geht von ihr aus, und der wiegende Continue reading

#andwhataboutthelyrics – Folge 6

Im Juni 1984 forderte der Radiomoderator Wolfgang Kraesze in seiner Sendung „Heimatlied im SF-Beat“ die Hörer_innen auf, Texte, Gedichte oder Lieder über ihre Heimatstadt an das Radio zu schicken. Er hatte seine Sendung an jenem Tag gänzlich den Songs von Bruce Springsteen gewidmet und versprach, die interessantesten Beiträge in seiner nächsten Sendung vorzustellen. Ich saß in meinem Zimmer in der Pücklerstrasse 18 in Berlin-Kreuzberg auf meiner Matratze und stürzte mich sofort in die Arbeit an dem Song „White City Of Lights” [sic].

Dass meine Heimatstadt Lissabon sein könnte, darüber habe ich mir damals ganz bewusst wohl eher keine Gedanken gemacht. Heimweh war für mich immer schon etwas, was nicht an Orte gebunden ist. Man kann auch Heimweh nach Continue reading

#andwhataboutthelyrics – Folge 5

„Die Musik schließt dem Menschen ein unbekanntes Reich auf, eine Welt, die nichts gemein hat mit der äußeren Sinnenwelt, die ihn umgibt und in der er alle bestimmten Gefühle zurücklässt, um sich einer unaussprechlichen Sehnsucht hinzugeben.“ (aus: „Die Serapionsbrüder“ von E.T.A Hoffmann)

Frage: Ab wann ist ein Leben ein langer, ruhiger Fluss?
Antwort: Keine Ahnung!

So wie ich das nun seit einigen Jahren beobachte, werden mich die Hochwasserphasen, Stromschnellen, Strudel, unerwartete Sturzbäche, Wasserfälle, gefolgt von Perioden extremen Niedrigwassers oder brackiger Brühe wohl noch bis ins hohe Alter begleiten. Continue reading

#andwhataboutthelyrics – Folge 4

Seit geraumer Zeit versuche ich, mir eine Soloversion von „Sea Of Time“ zu erspielen. Der Song wird immer wieder vom Publikum gewünscht, und jedes Mal rede ich mich raus und sage, nein, das ist ein Bandsong, der funktioniert so ganz alleine gespielt nicht, da fehlt was, und so weiter. Doch ob ein Song, in welcher Besetzung auch immer, funktioniert oder auch nicht, hängt auch von der Performance ab, und ob die Sängerin in der Lage ist, das Publikum mitzunehmen, während sie zum Kern des Liedes vordringt und sich dort davon erfassen und erfüllen lässt.

Neulich auf der Terrasse ist mir das nicht gelungen. Ein Publikum gab es nicht und den Katzen war zu heiß. Aber mit Continue reading

#andwhataboutthelyrics – Folge 3

Wenn ich mir die Aufnahme anhöre, die Anfang 1989 mit dem Album „Call Me Easy, Say I’m Strong, Love Me My Way, It Ain’t Wrong“ veröffentlicht wurde, fällt mir zuallererst das Sofa im Audio Studio in Berlin-Lichterfelde ein. Auch das Debütalbum, das Ende 1987 erschien, hatten wir dort aufgenommen. Und irgendwann, zwischen den Sessions zum ersten und zum zweiten Album, habe ich „Jesus First!“ geschrieben.

In den Pausen fläzten wir auf dem Sofa herum, tranken zuckersüßen Kakao aus einem Automaten und folgten mit den Blicken den Zwergkugelfischen, Banderolenkärpflingen und Tüpfelbuntbarschen in dem Aquarium, das in die gegenüberliegende Wand eingelassen war. Manchmal lief auch die Glotze, links oben unter der Decke hing sie, und Continue reading

#andwhataboutthelyrics – Folge 2

Die Bedeutung dieses Songs halbwegs auf den Punkt zu bringen, ohne dabei aus Versehen das Geheimnis zu lüften, welches ihn für Euch interessant macht, ist hier die große Herausforderung. Ich erinnere mich an die Bilder und woher sie kamen, und dass sie auch heute noch für mich von Bedeutung sind, für das was war, was ist und sein wird. Deswegen nenne ich meinen Text über diesen Track: KF trifft M. C. Escher und Alice hinter den Spiegeln im Raum-Zeit-Kontinuum.

Mit dem ursprünglichen Wiegenlied, auf das ich mich bei „Sea Of Time“ beziehe, habe ich mich als kleines Mädchen selber in den Schlaf gesungen. Es war ein Lied, mit dem ich mich im Dunkeln meiner selbst vergewissern und mit dem ich gleichzeitig eine akustische Verbindung zu den Eltern und der Schwester herstellen konnte, die sich irgendwo jenseits meines Zimmers aufhielten. Durch einen Spalt der angelehnten Zimmertür fällt Licht. Continue reading

#andwhataboutthelyrics – Folge 1

Vor einigen Tagen bekam ich eine Mail von dem Vater eines zehnjährigen Mädchens. Er schrieb, seine Tochter hätte sich das Album “Call Me Easy, Say I’m Strong, Love Me My Way, It Ain’t Wrong” angehört und nun wolle sie in einem Musikreferat den Song “Moon” vorstellen. Ob ich wohl etwas darüber schreiben könnte. Ich habe mich drangesetzt, den Song in Schleife gehört und folgendes notiert:

Inspirationsquelle war eine Biografie über Edie Sedgewick. Sie war ein Star in Andy Warhols Factory. Ich war immer schon an den eher gebrochenen Persönlichkeiten interessiert, aber ehe ich einen Song darüber schreibe, wie jemand an sich und seiner Umwelt kaputt geht, finde ich für diese Person einen Ausweg aus eigener Kraft. Oder gebe ihr IHR Schicksal wieder in die eigenen Hände.

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Am Mittwoch, dem 22. Februar 2017 wäre die amerikanische Schriftstellerin Jane Bowles Hundert Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass sendet der Deutschlandfunk am Vorabend das Hörspiel “Bei unserer Lebensweise ist es sehr angenehm, lange im Voraus zu einer Party eingeladen zu werden”, für das ich in 1999 das Manuskript schrieb. Es basiert auf einer Sammlung Briefen, die Jane Bowles im Laufe ihres Lebens an ihre Freunde und ihren Mann Paul schrieb. Sie sind ebenso große Literatur wie ihr vergleichsweise schmales Werk. Zu ihren Lebzeiten wurde nur ein Roman veröffentlicht, „Zwei sehr ernsthafte Damen“. Das Theaterstück „In The Summerhouse“ wurde am Broadway aufgeführt und nach drei Wochen abgesetzt. Und ein paar Kurzgeschichten erschienen im Literaturmagazin Cross Section und in den Zeitschriften Harper’s Bazaar, Vogue und Mademoiselle.

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(noch ein Lied für Jane Bowles)

Es gibt einen weiteren Weg
Siege, die ich errungen habe
Ein zweites Herz
Einen stillen Weg aus Träumen über laute Plätze
Entlang tiefer Schluchten
Über Brücken
Die ich baue
Mit einem einzigen, stimmigen Satz
Baumele ich
Diebin
Die ich bin
Kopfüber von der Balustrade
Kopfüber aus der Welt
Mit einem zweiten wandele ich unter hängenden Gärten
Nasche von Früchten
Kaue Pilze
Esse vom Baum des Lebens und der Erkenntnis
Lösche meinen Durst mit Morgentau
Mit einem dritten überspringe ich Zeiten
Vierundzwanzig Stunden am helllichten Tag
Überwinde ich Weiten
Wüsten
Ohne Wasser
Ohne Kompass
Ohne Brot
Nichts
Außer Worten…, nein
Warten!
Ich meinte: Warten
Mit einem vierten verkündige ich
Das Ende vom Lied
Das Ende vom Lied
Ohne neuen Anfang
No Da capo
Ich mache Schluß

(sie singt:)
Don`t mess with my angel
With my broken wings
For my broken heart
It sings
It sings
I am free
In my cage
Let me be

Und stehe halb versteckt im Schatten der Markise auf dem Markt
Halb verstrahle ich mein eigenes Licht in dunklen Gassen
Halb Fliegengewicht bin ich
Halb Monster
Und ich
Diebin
Die ich bin
Bin da draußen
Jenseits von allem was jemals gewesen
Heiß ist es gewesen
Und trocken
Und dann wieder kalt und feucht
Und klar und verschwommen
War alles da
Wo jetzt nichts ist
Ich nicht die bin
Diebin
Dich ich war
Herzbubedamekönigass
Und ich werde nichts mehr sein

Am frühen Morgen sehe ich die Schiffe ablegen
Am Nachmittag steigen Drachen auf
Am Abend spielen junge Hunde am Strand mit den zurückweichenden Wellen
Nachts ertrinken Liebespaare in der Flut
Und ich
Diebin
Die ich bin
Sehe alles von außen
Außerhalb
Halb Ohrtaub und Staub auf den Lidern
Halb Mundstumm und Spinnweben
In jedem meiner Winkel
Klimmzüge
Hinweg über die Balustrade
Hinaus aus der Welt
Dort bin ich
Diebin
Die ich bin
Ganz da
Hinter Glas
Ganz da
Höre nichts
Ganz da
Kein Lachen
Ganz da
Kein Rufen
Keine erstickten Schreie
Es singt kein Mensch
Es heult kein Tier
Es ist das Ende vom Lied
Das Ende vom Lied
Weil ich es so will

(sie singt:)
Don`t mess with my angel
With my broken wings
For my broken heart
It sings
It sings
I am free
In my cage
Let me be

Es gibt einen weiteren Weg
Siege, die ich errungen habe
Ein zweites Herz
Einen stillen Weg aus Träumen über laute Plätze
Entlang tiefer Schluchten
Über Brücken
Die ich baue
Mit einem einzigen, stimmigen Satz
Baumele ich
Diebin
Die ich bin
Kopfüber von der Balustrade
Kopfüber aus der Welt

© Katharina Franck, 20.8.2004